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27.01.2008

17:28 Uhr

1,5 Milliarden Menschen nicht ausreichend versorgt

Mangel an Trinkwasser wird zur Zeitbombe

VonDieter Fockenbrock

Wasser - weltweit haben aber schon jetzt 1,5 Milliarden Menschen nicht ausreichend Zugang zu Trinkwasser. Und die Vereinten Nationen rechnen damit, dass sich diese Zahl in wenigen Jahren verdreifachen wird. Auch deshalb sollte das Weltwirtschaftsforum 2008 als Plattform dienen, das Thema Wasser ins Bewusstsein der Wirtschaftsführer zu rücken.

Weltweit haben aber schon jetzt 1,5 Milliarden Menschen nicht ausreichend Zugang zu Trinkwasser. Foto: dpa Quelle: dpa

Weltweit haben aber schon jetzt 1,5 Milliarden Menschen nicht ausreichend Zugang zu Trinkwasser. Foto: dpa

DAVOS. Es wäre nicht das erste Thema, das in Davos tatsächlich auf die Weltagenda gesetzt worden wäre. Aber Agendasetting ist nicht einfach, wenn die potenziellen Protagonisten aus Regionen stammen, in denen das Thema keines ist. Die Rede ist von Wasser. Das gibt es auf dem Planeten genug - doch nur drei Prozent davon sind auch genießbar. Und: Die Industrienationen haben in der Regel genug davon. Weltweit haben aber schon jetzt 1,5 Milliarden Menschen nicht ausreichend Zugang zu Trinkwasser. Und die Vereinten Nationen rechnen damit, dass sich diese Zahl in wenigen Jahren verdreifachen wird.

Peter Brabeck-Lethmathe, Chef des Schweizer Konzerns Nestlé, ist auch beruflich mit dem Wasser eng verbunden. In Flaschen abgefüllt, versteht sich. Trotzdem - vielleicht auch deswegen - sieht der Manager das Thema Wassermangel mit gleicher Dringlichkeit wie den Klimawandel. Doch sein Ruf nach mehr unternehmerischer Verantwortung bleibt ungehört - bislang jedenfalls. Das Uno Water Mandate haben erst 20 CEOs unterschrieben. "Frustrierend", findet Brabeck-Letmathe.

Auch deshalb sollte das Weltwirtschaftsforum 2008 als Plattform dienen, das Thema Wasser ins Bewusstsein der Wirtschaftsführer zu rücken. Wasser ist weitgehend ein regionales Gut - daran ändert auch das boomende Plastikflaschengeschäft nichts. Und damit beginnt auch schon das Problem: Auf solch lokalen Märkten können kaum Mechanismen zur Preisfindung entstehen. Experten sind sich aber einig. Kein Preis - keine Lösung des drohenden Wasserproblems. Denn nur ein Marktpreis bremst Verschwender und fördert die Entwicklung neuer Technologien.

Doch selbst wenn dieses regionale Handicap überwunden wäre. Wasser ist ein völlig anderes Gut als alle anderen. "Kein Mensch kann ohne Wasser länger als drei Tage überleben. Sauberes Wasser ist deshalb ein Grundrecht", formulierte es ein amerikanischer Wissenschaftler. Selbst eingefleischte Kapitalisten in Davos mochten da nicht widersprechen. Dass Wasser für den Swimmingpool dagegen einen Preis haben müsste, darin sind sich ebenfalls alle einig.

Folglich gäbe es zwei Preise für ein und dasselbe Gut. Einen - möglichst niedrigen - für Trinkwasser, einen - vermutlich hohen - für alle übrigen Zwecke. Doch als wäre all das noch nicht kompliziert genug, kommt noch ein mittelbarer Effekt hinzu, den der Verbraucher normalerweise gar nicht zur Kenntnis nimmt. Experten in Davos, die mit Statistik zu brillieren wussten, hatten jedenfalls die volle Aufmerksamkeit des Publikums.

Beispiel Nahrungsmittel: 70 Prozent des sauberen Wassers werden in der Landwirtschaft verbraucht. Eine Flasche Coca-Cola beinhaltet direkt zwar ein überschaubares Volumen an Wasser. Zur Herstellung des darin enthaltenen Süßstoffes dagegen wird das Hundertfache benötigt. Auf diese Weise "isst" ein amerikanischer Verbraucher täglich 6 000 Liter Wasser. Der Nestlé-Chef muss es wissen. Das ist übrigens zufällig das Volumen, das als lebensnotwendig angesehen wird, damit ein Mensch in Afrika einen Monat überleben kann.

Beispiel alternative Energie. Um einen Liter Biodiesel herzustellen, werden rund 1 000 Liter Wasser verbraucht. Ein Beispiel auch dafür, wie der Versuch, ein Problem zu lösen - nämlich den zunehmenden Mangel an regenerativer Energie -, ein neues schafft. Noch wird diese ökonomische Perspektive des Themas Wasser von der politischen überlagert. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon wies in Davos vor allem darauf hin, dass der Streit um Wasser Anlass für immer mehr Kriege sein wird. Der Konflikt in Dafur habe das deutlich vor Augen geführt. Die Vereinten Nationen befürchten inzwischen in 46 Staaten mit 2,7 Milliarden Einwohnern, dass Wassermangel Auslöser für gewalttätige Auseinandersetzungen werden könnte.

Vorbild ist ausgerechnet ein trockener Wüstenstaat. Oman verfügt über ein jahrtausendealtes System des Wassermanagements - einschließlich Marktpreis und Sozialkomponente. Die Bauern bekommen handelbare Wasserrechte im Tausch gegen Instandhaltungsarbeiten an der Infrastruktur. Und versorgen gegen eine Wasserspende die Armen in den Moscheen. Das Modell ist zum Weltkulturerbe erklärt.

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