Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.02.2001

08:00 Uhr

10 Mrd. Euro teure Transaktion

Bertelsmann übernimmt Mehrheit an RTL Group und plant Börsengang

Der Medienkonzern Bertelsmann AG, Gütersloh, übernimmt weitere 30 % an der RTL Group und hält somit mit 67 % die Mehrheit an Europas größtem TV-, Radio und Filmkonzern. Der Verkäufer der Anteile, die Groupe Bruxelles Lambert S.A. (GBL) des Finanziers Albert Frères, erhält im Gegenzug 25,1 % der Aktien der Bertelsmann AG.

pos GÜTERSLOH. Die GBL hat das Recht, die Bertelsmann-Aktien in rund drei Jahren zu verkaufen oder an der Börse zu platzieren. Das erklärte Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Middelhoff am Sonntag abend vor Journalisten in Gütersloh.

Der Wert der Transaktion soll bei rund 10 Mrd. Euro liegen, was einer Prämie von gut 100% auf den Aktienkurs der in London notierten RTL Group darstellen würde. Neben Bertelsmann hält jetzt noch die britische Mediengruppe Pearson 22 % an RTL Group, weitere 11 % sind börsennotiert. Die Anzahl der Aktien im Streubesitz soll auf 15 % erhöht werden. Am 22 %-Anteil von Pearson, der in der neuen Konstellation keinen strategischen Wert mehr besitzt, hält Bertelsmann nach eigenen Angaben ein Vorkaufsrecht.

Die Bertelsmann AG wird nach Abschluss der Transaktion (und nach einem seit längerem bekannten Rückkauf von 7,4% der Bertelsmann-Anteile von der Zeit-Stiftung) zu 57,6 % der Bertelsmann-Stiftung gehören. zu 17,3% der Familie Mohn und zu 25,1% der GBL. Middelhoff betonte, dass nur genau 25% der Anteile von GBL stimmberechtigt sind, also die Kontrolle weiterhin bei Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft liegt, die 75% der Stimmrechte hält.

Die Übernahme der Mehrheit an der RTL Group mit ihren 22 TV- und 18 Radiosendern stellt einen wichtigen strategischen Schritt für Bertelsmann dar. Das TV- und Onlinegeschäft stellt mit 8 Mrd. DM Umsatz im Geschäftsjahr 2000 den größten Bereich des Konzerns dar und soll laut Bertelsmann in den nächsten zwei Jahren jährlich um über 11 % wachsen. In der Bedeutung für das Ergebnis hat der TV-Bereich längst die schwer angeschlagenen Buchclubs ersetzt, die derzeit mit hohem Aufwand saniert werden.

Auch zuvor hatte Bertelsmann die unternehmerische Führung bei RTL Group, war jedoch mit 37% Kapitalanteil nur in einer Minderheitsposition, was eine engere Einbindung in die Strategie des Gesamtkonzern verhinderte. Das soll sich jetzt ändern, die "Marketing-Lokomotive ersten Ranges" wird jetzt verstärkt im Sinne von Bertelsmann eingesetzt werden. "Nur ein Unternehmen, an dem man die Mehrheit hält, kann man wirklich in die Konzernstrategie integrieren", so Finanzvorstand Siegfried Luther. Bertelsmann wird derzeit komplett umstrukturiert. Am Ende soll der Konzern auf drei Säulen ruhen (Inhalte, Services, Vertrieb), wobei die Synergien der stark dezentral organisierten Unternehmens des Konzerns optimal ausgenutzt werden sollen.

Auch die neue Machtposition im Rechteeinkauf - z.B. in Verhandlungen mit Hollywood-Studios - und der Rechtevermarktung (größter Sportrechtehändler Europas) soll offensiv genutzt werden. Als weitere Ziele sind nun laut Middelhoff Anteilserhöhungen bei RTL 2, Super RTL, M6 und Channel 5 bis zum maximal erreichbaren vorgesehen und auch die Pläne eines Einstiegs in den US-TV-Markt werden jetzt wieder intensiver verfolgt.

Die GBL wird durch den Verkauf zum reinen Finanzinvestor bei Bertelsmann, da sie keine Sperrminorität bei Bertelsmann erwirbt und gleichzeitig ihren Einfluss bei RTL Group aufgibt. Dafür kann sie bei dem geplanten Börsengang von Bertelsmann am Verkaufserlös der Stammaktien profitieren.

Der Börsengang auf Raten stellt für die Familien geführte Bertelsmann AG eine massive Zäsur in der Firmengeschichte dar. Bislang galt, dass weder Kernbereiche des Konzerns noch der Konzern selber an die Börse gebracht oder aus der Hand gegeben werden sollten. Eine Verbindung von Bertelsmann und AOL (heute mit Time Warner fusioniert) ist unter anderem an diesem Punkt gescheitert. Eine erste Aufweichung dieses Grundsatzes hatte es zwar schon im letzten Jahr mit der Notierung der RTL Group gegeben. Der liquditätsschonende Erwerb der dringend benötigten RTL-Mehrheit (Bertelsmann verhandelt derzeit auch über einen Kauf des britischen Musikkonzerns Emi Music) hat jedoch dann wohl den Ausschlag gegeben, um auch das letzte Tabu, den Börsengang von Bertelsmann selber, zu Fall zu bringen. Im Oktober letzten Jahres, so Thomas Middelhoff, sei er mit den Plänen an den Nachkriegsgründer und Stifter Reinhard Mohn herangetreten, der der Idee dann auch zugestimmt habe.

Die RTL Group ist im April 2000 aus der Fusion von CLT-Ufa und Pearson TV entstanden und ist in 11 Ländern tätig. Die Bertelsmann AG beschäftigt rund 76 000 Mitarbeiter und setzte im Geschäftsjahr 1999/2000 (per 30.6) rund rund 32,5 Mrd. DM (16,6 Mrd. Euro) um. Die GBL ist eine 1953 gegründete Investmentgesellschaft und wird von den Familien Desmarais und Frere beherrscht. Die 30%-Beteiligung an RTL Group macht den Angaben zufolge rund 40% des geschätzten Wertes von GBL aus.



Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×