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24.01.2003

08:04 Uhr

2 900 Mrd. Euro an Kapital vernichtet

Börsencrash bremst Konjunktur bis 2004

VonNorbert Häring und Olaf Storbeck (Handelsblatt)

Neue Zahlen machen das dramatische Ausmaß der Börsenkrise in der Euro-Zone deutlich: Die Kursverluste seit Sommer 2000 belaufen sich auf fast die Hälfte der Wirtschaftsleistung. Die Baisse hat der Konjunktur deutliche Dämpfer gegeben - und wird das Wachstum noch lange bremsen, fürchten Volkswirte.

DÜSSELDORF/FRANKFURT. Der Kurskollaps an den Aktienmärkten hat seit August 2000 in der Euro-Zone Börsenwerte von mehr als 2 900 Mrd. Euro vernichtet. Der Vermögensverlust ist damit fast halb so groß wie die Wirtschaftsleistung des Jahres 2000. Die gesamte Marktkapitalisierung schrumpfte zwischen August 2000 und Oktober 2002 von 92 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf 43 %. Dies geht aus der Aktienstatistik hervor, die die Europäische Zentralbank (EZB) gestern erstmals in ihrem Monatsbericht veröffentlichte.

Volkswirte sehen die Implosion der Aktienmärkte als einen der wesentlichen Gründe für die Konjunkturschwäche in der Euro-Zone. "Die Effekte einbrechender Vermögenswerte sind sehr ernst, wie das Beispiel Japan zeigt", betont Dieter Wermuth, Europa-Chefvolkswirt von United Financial of Japan (UFJ).

Sein Kollege Holger Schmieding von der Bank of America schätzt: Allein im vergangenen Jahr habe die Börsenkrise das Wachstum in der Euro-Zone um etwa 0,5 Prozentpunkte geschmälert. Ohne den Aktiencrash wäre das BIP im Euro-Raum statt um rund 0,8 % damit um 1,3 % gestiegen.

Die Realwirtschaft hat die Folgen der Baisse bislang nur teilweise verarbeitet. "Die Nachwirkungen dauern länger, als viele wahrhaben möchten", betont Ulrich Kater, Volkswirt der Deka-Bank. Frühestens Ende 2004 könne das Kapitel Aktienmarktblase zu den Akten gelegt werden. Allerdings schwächen sich die Effekte ab: Schmieding schätzt den Wachstumsverlust 2003 auf nur noch 0,3 Punkte.

An den europäischen Aktienmärkten erreichte die Spekulationsblase ihren Höhepunkt im August 2000, geht aus der EZB-Statistik hervor. Damals summierte sich die Marktkapitalisierung auf 5 947 Mrd. Euro. Bis Oktober 2002 brach sie auf 3 262 Mrd. Euro ein. Schreibt man diese Zahl näherungsweise mit dem Verlust des marktbreiten Euro Stoxx-Index von 7 % seit Ende Oktober fort, liegt die Marktkapitalisierung derzeit nur noch bei 3 034 Mrd. Euro - gegenüber dem Hochpunkt ein Minus von 49 %. Verglichen mit dem Kursniveau unmittelbar nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 haben die Märkte noch einmal ein Viertel verloren. "Es handelt sich um die längste und tiefste Aktienbaisse der Nachkriegszeit", so Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der WestLB. Er schätzt die globalen Börsenwertverluste auf 45 % des Weltsozialproduktes.

Dieser drastische Kursverfall bremst die Konjunktur gleich über mehrere Kanäle. Zum einen fallen die Aktienmärkte in Zeiten der Baisse für Unternehmen als Quelle für günstiges Eigenkapital aus - schließlich sind Neuemissionen oder Kapitalerhöhungen derzeit nahezu unmöglich. "Auf die schlechteren Finanzierungsbedingungen reagieren die Unternehmen sehr schnell", sagt Schmieding. Innerhalb von zwei bis drei Quartalen führen sie ihre Investitionen herunter.

Neben den Unternehmen bekommen auch private Haushalte den Vermögensverlust zu spüren, wenn sie Aktien direkt oder indirekt besitzen, etwa über Lebensversicherungen oder Fonds. Der Kursverfall macht sie ärmer und schränkt damit die Konsumfreude ein.

Wie die Erfahrung zeigt, reagieren die Privatleute nicht unmittelbar, sondern mit einiger Verzögerung. Dies erklärt, warum die gesamten Folgen der Kursimplosion erst verspätet zum Tragen kommen. "Die hohe Sparquote und das geringe Konsumwachstum im Euro-Raum haben sicherlich viel mit den Vermögensschocks zu tun, denen die Haushalte laufend ausgesetzt sind", betont UFJ-Volkswirt Wermuth.

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