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06.01.2003

08:33 Uhr

2003 mehr Staatsanleihen

Schwieriges Jahr für britische Märkte

VonFelix Schönauer (Handelsblatt)

Vor allem in der zweiten Jahreshälfte muss die britische Wirtschaft nach Ansicht von Experten mit Schwierigkeiten rechnen. Die Aussichten für die Aktienmärkte beurteilen sie jedoch verhalten optimistisch.

LONDON. Mit dem Mitternachts-Gong von Big Ben in der Silvesternacht endete ein durchwachsenes Jahr an den Finanzmärkten in Großbritannien. Am schlimmsten traf es die Aktienmärkte: Der Index FTSE-100 gab zum dritte Mal in Folge mit zweistelligen Prozentraten ab, diesmal lag das Minus fast bei 25 %. Er hätte noch höher ausfallen können, hätte sich der Markt nicht von einer herbstlichen Schwächephase erholt.

Auch die Kurse der britischen Staatsanleihen (Gilts) entwickelten sich kaum besser als im Vorjahr. Die von der Labour-Regierung Ende November angekündigte deutliche Erhöhung der Neuverschuldung sorgte für drastische Kursverluste. Die Rendite der zehnjährigen Benchmark-Anleihe stieg zwischenzeitlich über das Niveau zu Jahresbeginn (4,65%), fiel jedoch am Ende des Jahres mit fast 4,5% wieder etwas darunter. Das Pfund gab gegenüber dem Euro nach. Bei Umtauschkursen von 1,535 Euro je Pfund konnte der Euro gegenüber dem Jahresbeginn gut 6,5 % an Boden gut machen.

Drei Faktoren werden nach Ansicht von Marktbeobachtern 2003 für die britischen Märkte entscheidend sein: Der mögliche Krieg im Irak und die Entwicklung der US-Wirtschaft als globale Komponenten, auf der nationalen Seite die Entscheidung über das EuroReferendum im Juni und das wachsende Ungleichgewicht in der britischen Wirtschaft. Die Aktienmärkte beurteilen die Analysten verhalten optimistisch. Ihre Anleihe-Prognosen reichen dagegen von "verheerend" bis "einigermaßen". Beim Pfund erwarten sie gegenüber dem Euro Verluste.

Am Aktienmarkt gehen die Experten für 2003 von einem geteilten Jahresverlauf aus. Zwar scheint das Einstiegsniveau bei einem Kurs-Gewinnverhältnis (KGV) von 15 günstig. In der ersten Jahreshälfte dürfte ein möglicher Irak-Krieg aber die Börsen belasten, glaubt Marktstratege Percival Stanion vom Fondsmanager Baring Asset Management. Er rechnet aber nur mit einer kurzen Rally, sollte es zum Krieg kommen. Denn der sei längst eingepreist, und "dann wäre die Unsicherheit an den Märkten vorbei". Das Plus schätzt er auf bis zu 20 %.

In der zweiten Jahreshälfte wird die britische Wirtschaft nach Ansicht von Experten Probleme bekommen. Denn neben einer depressiven Industrie zeigt der bislang boomende private Sektor Schwäche. Vorläufigen Analysen zufolge stagnierten die Weihnachtsverkäufe in 2002 zum ersten Mal seit zehn Jahren. Zieht die globale Wirtschaft an, könnten auch in England die Zinsen steigen, was für die Konsumenten, die viele Ausgaben über Kredite finanziert haben, einen weiteren Schlag bedeuten und die Ausgabelust mindern würde, meint Stanion. Er rechnet mit einem Zinsanstieg um 50 Basispunkte in der zweiten Jahreshälfte. Dies und ein Ende des Konsum-Booms würden die Kurse belasten. Stanion erwartet dennoch ein Plus: Er sieht den Footsie Ende 2003 bei 4500 Punkten. Die Investmentbank Goldman Sachs geht dagegen nur von einstelligen Steigerungsraten aus.

Das Volumen der britischen Staatsanleihen (Gilts) dürfte sich im nächsten Jahr deutlich erhöhen. Schatzkanzler Brown hat allein für die nächsten beiden Fiskaljahre eine Neuverschuldung um 44 Mrd. Pfund angekündigt, um die Reform des öffentlichen Dienstes voran zu bringen. Experten wie Laurence Mutkin vom Fondsmanager Threadneedle erwarten für 2003 einem Neuemissions-Volumen von 45 Mrd. Pfund, mehr als das Doppelte des Vorjahres. Michael Saunders von Schroder Salomon Smith Barney hält es für denkbar, dass die durch boomende Hauspreise steigende Inflation und das höhere öffentliche Defizit die Rendite der 10-jährigen Anleihe Ende 2004 um über einen Prozentpunkt bis auf 5,45% steigen lässt. Mutkin erwartet dagegen eine Rendite von 4,25%.

Der Devisenmarkt wird vor allem von einem möglichen Euro-Referendum geprägt. Im Juni will die Labour-Regierung entscheiden, ob die so genannten fünf ökonomischen Tests erfüllt sind. Sie sollen untersuchen, ob und wie stark die europäische und die britische Wirtschaft gleich laufen. Fallen die Tests zufriedenstellend aus, könnte es wenige Monate später ein Referendum geben. In den vergangenen hieß es bereits, die Tests seien nicht erfüllt. Denn die Zinsdifferenz zwischen Euro-Zone (2,75%) und dem Königreich (4%) ist hoch. Zudem hat Großbritannien einen flexibleren Arbeitsmarkt, und boomende Hauspreise und das auf Rekordniveau angeschwollene Handelsbilanz-Defizit weisen nicht auf eine "dauerhafte Konvergenz" und genug Flexibilität bei einem Beitritt hin, sagen Beobachter.

Das Pfund dürfte bis zur Entscheidung über die Tests unter einer leichten Schwäche leiden, meint Brian Hilliard, Direktor im ökonomischen Research bei der französischen Societe Generale. Sollte es zu einem Referendum kommen, glaubt Neil MacKinnon von der ECU Group, dass der Wechselkurs bis auf 1,43 Euro absackt. Die Märkte würden annehmen, dass ein baldiges Referendum auch zum Beitritt führe. Dafür wäre das Pfund zu hoch bewertet, und die Märkte würden die erwartete Abwertung vorwegnehmen.

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