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14.01.2003

14:47 Uhr

3 300 Meter lange Brücke geplant

Berlusconi: „Die Brücke nach Sizilien wird gebaut“

"Achtes Weltwunder" nennen es die Italiener, schon die alten Römer träumten davon. Jetzt hat sich Ministerpräsident Silvio Berlusconi festgelegt: "Die Brücke nach Sizilien wird gebaut".

HB/dpa ROM. Schon nächstes Jahr sollen die Arbeiten für das Megaprojekt beginnen, das eines der größten Bauvorhaben in ganz Europa werden dürfte. Am Dienstag konferierten erneut Geldgeber und Investoren, jetzt liegt ihnen sogar ein leicht verbilligter Bauplan vor. Wenn alles klappt, soll in sechs oder sieben Jahren der Verkehr über die längste Hängebrücke der Welt rollen - einst massive Bedenken von Umweltschützern und Erdbebenexperten sind so gut wie verstummt.

Das Megaprojekt zwischen Kalabrien und Sizilien, seit Jahrzehnten diskutiert und doch nie wirklich angepackt, soll zum ganz großen Coup, zum Denkmal Berlusconis werden. Es ist Kernstück seiner "grandi opere", seiner großen Bauvorhaben, die er den Wählern versprochen hat. "Auch die notwendigen Geldquellen sind ausgemacht", verspricht Berlusconi, der seinen Kritikern immer wieder mit der Bemerkung entgegen tritt, diesmal sei das ganze Vorhaben wirklich Ernst gemeint - in Kürze werde das Kabinett formell zustimmen.

"Das größte Werk des menschlichen Geistes"

Allein die Ausmaße sind gigantisch: 3 300 Meter lang soll die "ponte sullo stretto", die Brücke über die Wasserstraße von Messina, werden - fast drei Mal so lang wie die Golden-Gate-Brücke in San Francisco. Selbst die bisher längste Hängebrücke der Welt, die Akashi-Kaikyo-Brücke in Japan, macht sich im Vergleich mit 1 990 Metern Spannweite bescheiden aus. "Das größte Werk des menschlichen Geistes", jubeln Anhänger.

Nach Berichten des italienischen Fernsehens vom Dienstag liegt den Verantwortlichen jetzt eine leichte "verschlankte" und kostengünstigere Version zur Entscheidung vor: Die Brücke soll auf der sizilianischen Seite elf Meter tiefer als zuvor geplant aufliegen, umfangreiche Bauten bei der Zufahrt würden dadurch vermieden und die Kosten um 15 Prozent gesenkt. So koste das Projekt "nur noch" rund 4,8 Milliarden Euro.

140 000 Autos täglich

Diese sollen vor allem Banken, Finanzierungsgesellschaften und die künftigen Betreiber aufbringen - der Staat wird sich nach Wunsch Berlusconis eher zurückhalten. Auf die Betreiber wartet, zumindest nach vorliegenden Berechnungen, ein beachtliches Geschäft: 140 000 Autos sollen täglich über die sechsspurige Brücke rollen und Mautgebühren einbringen.

Nur noch gut drei Minuten dauere es, mit dem Auto vom Festland nach Sizilien zu fahren. Derzeit müssen Lastwagen, Pendler und Touristen mitunter Stunden warten, um auf die Fähre zu kommen. "Sizilien wäre dann keine Insel mehr, Messina und Reggio Calabria würden zu einer einzigen Stadt zusammenwachsen", schwärmen Befürworter.

"Bevor man so solch ein Prestigevorhaben angeht, sollten alle Menschen auf Sizilien Wasserleitungen bekommen", schimpft ein grüner Spitzenpolitiker. Schon 251 vor Christus träumte der römische Konsul Gaius Lucius Cecilius den Traum von einer Verbindung über die Meerenge. Eine Brücke aus Fässern und Flößen wollte er bauen, um die von den nordafrikanischen Karthagern zurückgelassenen Elefanten von Sizilien nach Rom zu holen. Ein Sturm zerschlug die Pläne des Feldherrn.

"Alle technischen Prüfungen sind gelöst", behaupten Techniker heute. Bedenken wurden meist entkräftet. Vor allem die häufigen Erdbeben in der Region bereiteten lange Kopfzerbrechen. Ingenieure versichern, die Brücke und ihre 380 Meter hohen Pfeiler, die 55 Meter tief in die Erde reichen, könnten Erdbeben von der Stärke 7,1 auf der Richterskala aushalten. Doch in Kalabrien gab es schon Beben mit einer Stärke von 7,9. Die bisher längste Hängebrücke im japanischen Kobe wurde 1995, noch bevor sie fertig war, von einem Beben der Stärke 7,2 erschüttert. Die Fundamente der Pfeiler wurden damals um 80 Zentimeter verschoben - die Brücke aber hielt stand.

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