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08.04.2003

16:03 Uhr

32 olympische Sport-Fachverbände haben die große Stimmen-Mehrheit

Verbände mauern: Olympia-Entscheidung offen

Entscheidung "aus dem Bauch", Stimme für die größten internationalen Chancen, Priorität dem NOK-Prüfungsbericht oder Treue zur heimatlichen Region? Wenn das Nationale Olympische Komitee (NOK) am Samstag in München über den deutschen Bewerber für die Olympischen Spiele 2012 abstimmt, werden die unterschiedlichsten Motivationen den Ausschlag geben.

HB/dpa HAMBURG. Fest steht, dass die Richtung weisende Entscheidung für den deutschen Sport, die durch die Präsenz von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundesinnenminister Otto Schily unterstrichen wird, vier Tage zuvor völlig offen erscheint.

Anders als bei der Wahl von Klaus Steinbach zum NOK-Präsidenten geben sich die 32 olympischen Sport-Fachverbände, die mit je drei Stimmen die große Mehrheit haben, sehr bedeckt. Sie haben 96 der auf 135 reduzierten Stimmen, nachdem die Olympiasieger Heide Ecker- Rosendahl und Michael Groß erklärt haben, als Präsidentin der Rhein- Ruhr-Bewerbung bzw. NOK-Berater der Bewerber aus Fairnessgründen auf eine Teilnahme an der Abstimmung zu verzichten.

Viele Verbände haben sich, wie eine dpa-Umfrage ergab, angeblich noch nicht festgelegt, halten die Entscheidung bis zum Samstag ihren Vertretern - zumeist als Chefsache - offen. Werner von Moltke, der Präsident des Deutschen Volleyband-Verbandes (DVV), fasst die öffentlich verlautete Meinung seiner Kollegen zusammen: "Niemand kann vorhersagen, wer gewinnt, denn niemand kann sich in die Denkweise so vieler Verbandsfunktionäre und NOK-Mitglieder hineindenken." Aber es gibt auch Spekulationen, nach denen Ulrich Feldhoff, einflussreicher Vizepräsident des Deutschen Sportbundes (DSB), 20 Verbände für Düsseldorf geworben haben soll. Dem hat der Chef des deutschen und internationalen Kanu-Verbandes vehement widersprochen.

Öffentlich haben sich nur wenige zu einer Stadt bekannt. Zu ihnen gehört Bob- und Rodel-Präsident Klaus Kotter: Er hat nie einen Hehl aus seiner Stimme für Leipzig gemacht, was ihn auch den Vorsitz in der NOK-Evaluierungskommission gekostet hat. Neben den Kanuten neigen wohl auch die Schützen zu Düsseldorf, Tennisspieler und Basketballer zu Hamburg, Schwimmer und Moderne Fünfkämpfer zu Frankfurt sowie Ringer und Eisläufer zu Leipzig.

Die meisten Chefs der Sportverbände haben von ihren Gremien freie Hand für die Entscheidung bekommen. Das gilt unter anderem für Basketballer, Boxer, Fechter, Fußballer, Handballer, Leichtathleten, Ringer, Skifahrer, Schwimmer, Triathleten und Turner. Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), spricht für viele seiner Kollegen: "Ich habe vom Verband die Kompetenz erhalten, die Stimmen abzugeben." Den NOK-Prüfungsbericht nennt der Jurist aus Bayern "eine gute Grundlage für die Entscheidung. Da kann man die Stärken und Schwächen der Bewerber genau erkennen".

Viel wird noch von der Präsentation der Bewerberstädte am Samstag vor dem NOK abhängen. "Es wird eine Bauchentscheidung", sagt Ulrich Strombach, der Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB), "es hängt davon ab, wer präsentiert, wie präsentiert wird und ob daraus auch die Chancen im internationalen Wettbewerb abzulesen sind." Dem schließt sich mit Helmut Digel, dem ehemaligen DLV-Chef, ein stimmberechtigtes Ehrenmitglied, an: "In München wird es nicht mehr nach rationalen Kriterien ablaufen. Das Entscheidende ist die Dramaturgie, die Präsentation und die Inszenierung vor den Augen der Delegierten."

Ohne eigene Ambitionen als Wintersport-Fachverband ist Gerd Zimmermann in seiner Entscheidung frei. "Sie ist für uns völlig neutral abzuhandeln", erklärt der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gesellschaft (DESG), "wir stehen auf dem Standpunkt, der Bewerber mit den besten internationalen Chancen sollte das Rennen machen." Dem stimmt auch Prokop zu: "Das eigentliche Kriterium der Entscheidung ist kein fachverbandliches oder sportliches. Vielmehr muss entscheiden, was Deutschland gut tut."

Große Bedeutung hat der Ausgang der maximal vier Wahlgänge. Im Grunde hänge die Entscheidung der Verbände vom Verlauf der Wahl ab, meint Claus Umbach, der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber (BVDG). Jedes Mal müssten sich die NOK-Mitglieder neu orientieren. Und bisher hat nur ein Verband durchblicken lassen, dass er sich auf eine exakte Reihenfolge festgelegt hat.

Alle fünf Bewerber fürchten, schon im ersten Wahlgang, bei dem sicher noch die regionale Verbundenheit der Stimmberechtigten eine große Rolle spielt, zu scheitern. "Wenn man als Erster einbiegt und fliegt als Erster raus, da wäre wohl mehrtägiges Runterschlucken nötig", sagt Hamburgs Olympia-Botschafter Henning Voscherau, der frühere Erste Bürgermeister der Hansestadt. Olympia-Chef Horst Meyer, Ruder-Olympiasieger von 1968, ergänzt: "Es wäre enttäuschend und wohl auch ein wenig peinlich für das NOK, weil die Evaluierungskommission uns die beste Bewertung bescheinig hat." Anders sieht es Stuttgart, Schlusslicht der NOK-Prüfung. "Ich muss mich dagegen wehren, dass das NOK ein Problem hätte, wenn jemand von fünf nach vorn geht", hat Raimund Gründler, der Chef der Stuttgart 2012 GmbH, Olympia in der Schwaben-Metropole noch nicht aufgegeben.

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