Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.02.2006

18:30 Uhr

60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte

Bergbau: Der Anfang vom Ende

VonKatharina Slodczyk

Im Februar 1958 fährt der Bergbau an der Ruhr die ersten "Feierschichten". Seit diesem Jahr geht es abwärts mit der Zahl der Beschäftigten und der Zechen. Bis heute zieht sich der qualvolle Niedergang einer der größten deutschen Branchen hin.

Der Abschied von der Kohle ist einer auf Raten, verlängert durch Subventionen und politisches Taktieren. dpa

Der Abschied von der Kohle ist einer auf Raten, verlängert durch Subventionen und politisches Taktieren.

ESSEN. Ganz genau sieht er alles noch vor sich: dort das große Tor mit Pförtnerhäuschen, drüben das Magazin und die Kaue, die Backsteinfassade mit dem Stahlfachwerk, hier der Förderturm. "Überall zwischen den Gebäuden waren große Grünflächen." Günter Stoppa wendet und dreht sich um die eigene Achse, geht mal ein paar Schritte in die eine Richtung und wieder zurück, während er seinen ehemaligen Arbeitsplatz beschreibt: die Zeche Katharina im Norden von "Und dort hinten war eine riesige Gleisanlage", sagt Stoppa mit einer ruckartigen Bewegung und zeigt auf einige dürre Büsche.

Die Gleise sind schon lange abgebaut, die meisten Zechengebäude verschwunden. Wo einst der Förderturm thronte, parken heute die Mitarbeiter eines Wachdienstes. Zwischen Autos und Mülltonnen ragt ein schlankes, silbrig glänzendes Rohr gut vier Meter in die Höhe. "Das ist notwendig, damit Methangas aus der alten Grube austreten kann", erklärt Stoppa, ein kräftiger, großer Mann dessen fast faltenloses Gesicht die 73 Lebensjahre nicht verrät. Gegenüber ruht eine Kohle-Lore.

Das ist alles, was noch an die Zeche erinnert im heutigen Gewerbegebiet Katharina, wo sich Firmen wie Kötter Security, Schrott Herholz, Isolierarbeiten Schuh & Co. und der Avsa Grill niedergelassen haben.

Hier begann in der achten Kalenderwoche vor 48 Jahren der Niedergang der deutschen Steinkohlenindustrie. Am 22. Februar 1958 legten die Bergleute auf Katharina und einigen Zechen in der Umgebung die erste "Feierschicht" ein: 16 000 Männer erschienen nicht zur Arbeit, um die Kohleberge nicht noch weiter zu erhöhen. Millionen Tonnen des schwarzen Rohstoffs lagen schon auf Halde, weil der Absatz zurückgegangen war.

Die Feierschichten 1958 waren der Anfang vom Ende des Bergbaus im Ruhrgebiet. Seit dem Jahr, in dem der FC Schalke 04 zum letzten Mal die Schale des Deutschen Meisters in die Glückaufkampfbahn holte, geht es abwärts - mit der Zahl der Zechen und der Beschäftigten, mit der Fördermenge, dem Absatz und den neuen Sohlen, die immer tiefer getrieben werden müssen, um zur Kohle vorzudringen.

Der Abschied von der Kohle ist einer auf Raten, verlängert durch Subventionen und politisches Taktieren. Zwischendurch gibt einen Überraschungscoup der Industrie von gestern, Hoffnung auf eine Zukunft wie im Herbst 2004 der Plan von RAG-Chef Werner Müller, eine neue Zeche zu bauen. An dem schleichenden Tod des Bergbaus wird das aber wohl nichts ändern: Nordrhein-Westfalens Regierung hat entschieden, die Subventionen weiter zu reduzieren.

1958 kommt die Krise im Revier überraschend. In den Jahren zuvor ist der Bedarf an Kohle noch so groß, dass diese sogar aus den USA importiert wird. Und seit Mitte der 50er-Jahre wirbt Deutschland Gastarbeiter an, um den Arbeitskräftemangel im Bergbau auszugleichen.

Um die Bergleute bei Laune zu halten, greifen Regierung und Unternehmen tief in die Tasche. Die Politik subventioniert den Bau von Wohnungen und Häusern in Zechennähe, die Firmen lassen sich auf Lohnerhöhungen von knapp zehn Prozent ein, obwohl der Produktivitätsfortschritt gerade mal eineinhalb Prozent beträgt.

Ein letztes Mal hat der deutsche Steinkohlenbergbau Hochkonjunktur.

Der Niedergang hat viele Gründe, einer heißt Öl. Neben der Importkohle, die ständig billiger wird, ist es vor allem das Heizöl, das die heimische Kohle immer mehr verdrängt. Sogar Bundeskanzler Konrad Adenauer, an sich ein entschiedener Befürworter der Revier-Kohle, nutzt daheim die Vorteile einer Ölheizung. Er habe zu Hause in Rhöndorf bei Bonn seine Heizung von Koks auf Öl umgestellt, erzählt Adenauer bei einer Sitzung zur Bergbaukrise im Sommer 1958. Das sei bequemer, denn es sei in Rhöndorf nicht möglich, "einen Mann zu bekommen, der die Koksheizung versorgt und den Abtransport der Asche übernimmt", klagt der Bundeskanzler.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×