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24.03.2006

17:22 Uhr

60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte

Bretton Woods – Angriff auf Fort Knox

VonNorbert Häring

Als Amerika 1971 das Gold auszugehen droht, schafft Präsident Nixon das Weltwährungssystem von Bretton Woods ab. Die deutsche Wirtschaft passt sich erstaunlich schnell an.

Konferenz von Bretton Woods: Der US-Finanzminister Henry Morgenthau Jr. (M) in einem informellen Gespräch mit Kanadas Finanzminister J. L. Lesley (l.) und dem sowjetischen Delegierten M. S. Stepanow am Rande der Tagung. dpa

Konferenz von Bretton Woods: Der US-Finanzminister Henry Morgenthau Jr. (M) in einem informellen Gespräch mit Kanadas Finanzminister J. L. Lesley (l.) und dem sowjetischen Delegierten M. S. Stepanow am Rande der Tagung.

FRANKFURT. Am 16. August 1971 bleiben in Frankfurt und an anderen Finanzzentren die Devisenbörsen geschlossen. Bundeswirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller bricht eine Ostblockreise ab und kehrt nach Bonn zurück. Der Internationale Währungsfonds kommt in Washington zu einer kurzfristig anberaumten Krisensitzung zusammen. Der Grund: US-Präsident Richard Nixon war vor die Kameras getreten und hatte die Welt mit der Ankündigung überrascht, die Einlösegarantie von US-Dollar gegen Gold mit sofortiger Wirkung aufzuheben.

Es war der Anfang vom Ende des Festkurssystems von Bretton Woods. Es folgten 19 Monate mit aufgeregter Währungsdiplomatie, ehe die Devisenmärkte am 1. März 1973 nach massiver Kapitalflucht in die D-Mark und den Franken für 18 Tage geschlossen wurden und der Dollar seinen Status als Leitwährung für die gesamte westliche Welt einbüßte. Nur die Banken konnten unter sich und ohne Kursbindung tauschen. Als die Devisenmärkte am 19. März, also vor fast genau 33 Jahren, wieder öffneten, war Bretton Woods Geschichte.

Der Wechselkurs der D-Mark und der anderen wichtigen Währungen gegenüber dem Dollar durfte sich fortan mehr oder weniger frei am Markt bilden. Gleichzeitig schlug die Geburtsstunde der europäischen Währungsschlange, einer Vorstufe des Europäischen Währungssystems, das später in den Euro mündete.

Die eineinhalb Jahre, die seit der Aufkündigung der Goldeinlösegarantie vergangen waren, hatten gereicht, die Deutschen auf die neue Ära vorzubereiten. Die Aufregung hielt sich zunächst in Grenzen. Das galt selbst für die Devisenmärkte, als diese nach der Schließung wieder den Betrieb aufnahmen. Die Umsätze waren nicht außergewöhnlich hoch, der Dollar sank um drei Pfennig oder gut ein Prozent gegenüber Anfang März auf 2,815 D-Mark.

Das war im August 1971, nach dem "Nixon-Schock" noch ganz anders befürchtet worden. Carl-Ludwig Holtfrerich war gerade einen Monat als Referent in die Außenhandelsabteilung des BDI eingetreten. "Die Industriellen waren in heller Aufregung", erinnert er sich heute. Nach 27 Jahren Festkurssystem befürchteten viele einen Rückfall in Abwertungswettläufe und Protektionismus. Nicht ohne Grund, war doch Bretton Woods gerade die Antwort auf die Erfahrung der großen Depression und ihrer politischen Folgen gewesen.

Der Hauptarchitekt von Bretton Woods, der amerikanische Unterhändler Harry Dexter White, hatte die Botschaft, die man gelernt habe, so beschrieben: "Das Fehlen eines hohen Grades an wirtschaftlicher Zusammenarbeit der führenden Nationen wird unweigerlich in ökonomischer Kriegsführung enden, die Vorspiel und Anstifter für militärische Kriegsführung sein wird."

Der Wunsch, solche Erfahrungen nicht noch mal machen zu müssen, hatte erst die Kooperationsbereitschaft gebracht, die es ermöglichte, dass 44 Länder sich einem gemeinsamen Regelwerk unterwarfen.

Sollte nun Whites düstere Vorhersage wahr werden? Die USA gaben der Welt durchaus Anlass zu dieser Sorge, verkündete doch Nixon gleichzeitig mit dem Ende der Goldeinlösegarantie einen zehnprozentigen Zusatzzoll auf Einfuhren in die USA.

In einer Stellungnahme des Deutschen Industrie-Instituts, des Vorläufers des Instituts der deutschen Wirtschaft, hieß es: "Das bedeutet den Ruin des Amerika-Exports."

Die damalige Generation kannte nur Depression, Protektion, Weltkrieg und als bis dahin einzige Alternative - Bretton Woods. Kein Wunder, dass man sich große Sorgen machte. Und doch versuchte Holtfrerich, heute Professor für Volkswirtschaft und Wirtschaftsgeschichte an der FU Berlin, die Industriellen zu beruhigen. "Ich stellte heraus, dass das Ende des Festkurssystems auch Vorteile haben würde, dass staatliche Dirigismen wie zum Beispiel Devisenbewirtschaftung unnötig würden."

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