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03.03.2006

11:20 Uhr

60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte

Das Meisterstück des Herrn Abs

VonBernd Ziesemer

Am 27. Februar 1953 unterschreibt die Bundesrepublik das Londoner Schuldenabkommen. Deutschland bekommt nun wieder Kredit - und die zweite Etappe des Wirtschaftswunders beginnt.

Mit dem von Abs ausgehandelten Londoner Schuldenabkommen schaffte Deutschland die Voraussetzungen für einen beispiellosen Exportboom. Daniel Matzenbacher

Mit dem von Abs ausgehandelten Londoner Schuldenabkommen schaffte Deutschland die Voraussetzungen für einen beispiellosen Exportboom.

DÜSSELDORF. Hermann Josef Abs war vieles in seinem Leben: zweimal Vorstand der Deutschen Bank, von 1938 bis 1945 und von 1957 bis 1967. Geldbeschaffer für die Kriegspläne Hitlers und gleichzeitig Informant der Kriegsgegner im "Kreisauer Kreis". Von den Briten nach Kriegsende erst verhaftet, dann umgehend zum Finanzberater gemacht. Einer der engsten politischen Vertrauten Konrad Adenauers und bis zu seinem Tode 1994 die graue Eminenz der deutschen Wirtschaft.

Ein stahlharter Bankier, der die Deutsche Bank unter größten Mühen nach dem Krieg wieder gründete und zum führenden Kreditinstitut machte. Ein frommer Katholik, der mit seinem Privatgeld vielen half. Auf keinen anderen deutschen Wirtschaftsführer als Abs trifft das berühmte Bonmot des Schriftstellers Ernst Jünger besser zu, man müsse nur alt genug werden, um alles und das Gegenteil von allem zu erleben.

Abs selbst aber sah als seine wichtigste Lebensleistung weder die Deutsche Bank noch seine Rolle in der Deutschland AG. In Erinnerung bleiben wollte der am 15. Oktober 1901 geborene Rheinländer vor allem mit einer hoch komplexen internationalen Finanzvereinbarung, die schon kurz nach ihrer offiziellen Unterzeichnung am 27. Februar 1953 für viele Jahrzehnte in völlige Vergessenheit geriet: Mit dem von Abs ausgehandelten Londoner Schuldenabkommen übernahm die junge Bundesrepublik die Vorkriegsschulden des Deutschen Reichs, regulierte die eigenen Nachkriegsschulden, verschaffte sich wieder internationale Kreditwürdigkeit und legte damit die Voraussetzungen für einen beispiellosen Exportboom.

Der schwierige Kompromiss mit den Gläubigerstaaten leitete den "finanzökonomischen Teil des deutschen Wirtschaftswunders" ein, wie die Historikerin Ursula Rombeck-Jaschinski in ihrem gerade erschienenen Buch "Das Londoner Schuldenabkommen" schreibt.

Für Abs glichen die Verhandlungen einem Tauziehen auf der Rasierklinge. Bundesfinanzminister Fritz Schäffer prophezeite ihm von Anfang an: "Wenn Sie Erfolg haben, werden Sie an einem Birnbaum aufgehängt, wenn Sie Misserfolg haben an einem Apfelbaum." Einerseits brauchte die Bundesrepublik dringend eine Einigung mit ihren privaten und staatlichen Gläubigern, wenn sie in die Familie der freien Völker zurückkehren wollte. Andererseits konnte Westdeutschland nach Expertenrechnungen maximal 500 Millionen Mark an Schuldendienst verkraften, ohne einen finanziellen Zusammenbruch zu riskieren - viel zu wenig Geld nach Meinung der amerikanischen und britischen Verhandlungspartner.

Gab Abs zu wenig nach und riskierte ein Scheitern der Londoner Verhandlungen, blieb die Bundesrepublik vielleicht für Jahre auf den internationalen Finanzmärkten handlungsunfähig. Gab er zu viel nach, drohte ein wirtschaftliches Desaster mit den politischen Folgen einer neuen Versailles-Diskussion wie nach dem Ersten Weltkrieg, als Rechtsnationalisten die Weimarer "Erfüllungspolitik" gegenüber internationalen Reparationsforderungen anprangerten.

Die eigentlichen Schuldenverhandlungen begannen am 5. Juli 1951 mit einer so genannten "Vorkonferenz" im Lancaster House. In den prächtigen Räumen des 1825 gebauten Palastes mit seinem exquisiten Louis-Quatorze-Möbeln traf sich die deutsche Delegation mit ihrem Leiter Abs zum ersten Mal mit den Vertretern der privaten und staatlichen Gläubiger. Das Wort führten vor allem die Amerikaner und Briten.

Der britische Delegationsleiter Sir George Rendel beschwor das "gegenseitige Verständnis und die freie Zusammenarbeit". Und der amerikanische Vertreter der privaten Anleihegläubiger, James Rodgers, sagte unter großem Beifall, die Regelung der deutschen Auslandsschulden sei "ein kleiner, aber wesentlicher Teil der deutschen Rehabilitierung" nach dem Ende der Hitler-Diktatur.

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