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19.01.2007

11:00 Uhr

60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte

Stoiber: Absturz des Alpen-Herrschers

VonRüdiger Scheidges

Das "blonde Fallbeil" Edmund Stoiber rutscht 2007 unversehens unter die Guillotine seiner Parteifreunde. So kurz und profan sieht das politische Ende aus, wenn der absolute Herrscher selber Opfer seines Absolutismus wird. Ein Nachruf auf den Bayern-Regenten.

Die Ära Stoiber ist 2007 am Ende. dpa

Die Ära Stoiber ist 2007 am Ende.

BERLIN. "Ich habe mich entschlossen, bei der Landtagswahl 2008 nicht mehr anzutreten. Ich werde mein Amt als Bayerischer Ministerpräsident zum 30. September 2007 abgeben. Ich werde auf dem CSU-Parteitag im September auch nicht mehr als CSU-Vorsitzender kandidieren."

Als Edmund Stoiber, der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef, 19 Minuten vor 14 Uhr zur Pressekonferenz lud, um seinen Verzicht auf die erneute Kandidatur als Ministerpräsident des Freistaates Bayern zu erklären, ist längst klar: Er hat keine Truppen mehr. Seine Zeit ist abgelaufen. Der Druck ist nicht mehr auszuhalten, vor allem: Gegendruck kann er keinen mehr mobilisieren. Sein Ende leitet er mit drei "Ich"-Sätzen ein. Dann ist das Ich nach drei Minuten wie ausgehaucht.

Die Ära Stoiber ist am Ende. Dabei konnte Stoiber, 65, besser als andere einschätzen, dass die CSU seit längerem schon in anderen Umständen ist. Ihm wurde bedrückend klar, wie fragil seine Macht seit zwei Jahren nur noch ist.Zuletzt umstellt von subalternen Ja-Sagern, halbseidenen Emporkömmlingen und zweitklassigen Hofschranzen, ist er längst fremd in seiner politischen Heimat geworden. Mit ihr hat er seit Monaten in einer Art Untreue-Verhältnis gelebt. Die Tatsache, dass sich nun bei niemandem ein auch nur verschämtes Gefühl der Tragik einfindet, hat nur einen Grund: Stoiber selber hat die trostlosen Zustände in selbstherrlicher Regie herbeigeführt.

Doch vorgestern entglitt ihm jede Regie. Nach der Nacht der langen Messer in Kreuth verliest Stoibers diesmal überraschend naseweiser Hofsender, der ansonsten nibelungentreue Bayerische Rundfunk, einen Nachruf auf den Alpen-Herrscher.

Kaum 24 Stunden später inthronisieren sich gleich zwei Nachfolger selbst. Der eine, Günther Beckstein, kraxelt vom Hochsitz der inneren Sicherheit auf den Olymp der bayerischen Staatskanzlei, der andere, Staatskanzleichef Erwin Huber, greift von ebenjener selben Empore der Macht herab auf die Partei. So ist Bayern: Noch liegt die Leiche nicht kalt im Keller, noch hat niemand niemanden gewählt, noch hat kein einziges Gremium das Prädikat "zur Wahl steht" vergeben, schon krallen sie sich tief ins Thronleder - Demokratie als Intrigantenstadel.

Kein Wunder, dass sie dann plötzlich, nach verrichteter Bluttat, allzu spät zur Besonnenheit kommen und in die Kameras heucheln, nichts habe sich geändert, am kommenden Montag werde der Fahrplan hinausposaunt. Alles Lüge, wie schon Stunden später feststeht. Die CSU in diesen unheiligen Tagen: ein verkommener Augiasstall.

Derweil sitzt Bayerns großer Zauderer dort, wo er seit dem selbst eingeleiteten Absturz als deutscher "Superminister" im Kabinett Merkel seit eineinhalb Jahren hockt: Auf seinem gläsernen Zauderberg - und zaudert. Seitdem er mit dem Namen Pauli keinen nordlichternden Fußballclub mehr verbindet, sondern eine so rothaarige wie zähe Landrätin, zaudert er auf radikalste Art: zum ersten Mal mit sich selbst.

Dazu hat er allen Grund. Er muss sich eingestehen, dass er in seiner Trutzburg alleine hockt und so gut wie alle von ihm abgefallen sind. Seine wichtigsten und treuesten Berater hat er selbst in den vergangenen Monaten verprellt, verstoßen, oder sie wurden ihm in die vermaledeite Hauptstadt abgeworben. Was an Helfershelfern zurückblieb, spioniert, desinformiert und verliert dabei den Kompass: über die Kräfteverhältnisse in Bayern, die Rolle Stoibers in der Bundespolitik, den Kurs des absoluten Zauderers daheim, kurzum über alles, was mit Stoibers Politik zu tun hat. Sie alle verlieren die Ortung über die Zumutbarkeit einer bayerischen Politik, die sich in den letzten Monaten nur noch im Zerstören und Selbstzerstören gefiel.

Sobald Edmund Stoiber Mitte des Jahres von den seinen endgültig ins Verlies der Geschichte geworfen sein wird - das ist nur noch eine Frage auslaufender Zeit - wird er erkennen, warum niemand, wirklich: niemand ihm mehr beisteht. Denn er erhält die finale Lektion aller unnahbaren Alleinherrscher: Zwar stehen noch nie so viele Beschützer wie gerade jetzt vor, hinter und um ihn herum. Doch es sind ausnahmslos Heuchler, Parteifreunde vom Stamme Brutus: von der Spitze der CSU-Landesgruppe in Berlin (die vor allem) bis hinein in die Landtagsfraktionsspitze und sogar in die Staatskanzlei, die einstige Machtbastion. Stoiber, diese Witterung macht sie seit Tagen regelrecht begierig vor Gnadenlosigkeit, ist gefallen.

In Wahrheit hat der Entfremdungsprozess zwischen dem in Bayern vielen so protestantisch fremd wirkenden Technokraten und seiner professionellen Gefolgschaft vor langer Zeit begonnen. Zu schnell hat er, der unter Franz Josef Strauß als CSU-Generalsekretär in die Gefilde der Macht wuchs, in den vergangenen drei, vier Jahren die bayerischen Lederhosen für immer abgestreift, um sich jenseits der Grenzen nur noch mit dem Laptop zu schmücken.

So, mit der modernen Ausrüstung des Sanierers, hat er für den Wirtschaftsstandort Bayern, vor allem aber für die Hauptstadt München und Umgebung zuvor viel Gutes, ja: Hervorragendes geschaffen.

Die Unternehmen hüpften dem viel versprechenden bayerischen Steuermann geradezu ins Gehege, wenn sie nicht gerade auf dem Sprung weiter nach Österreich waren. Der Landesvater hat in fast 14 Jahren auch das Land und seine Strukturen radikal modernisiert. Doch selbst hier vor allem und sträflich einseitig die Städte und die eine Metropole, nicht aber das flache Land und die Peripherie, in denen die Lederhose noch immer getragen wird.

Die entsprechenden Warnungen vor einem neu zementierten Stadt-Land-Gefälle in Bayern wurden immer lauter. Doch übersah er, fatalste aller fatalen Fehleinschätzungen, diese Zeichen gerade in letzter Zeit. Unberaten und auf männlich-chauvinistische Tour, schlug er alle Warnungen in den Wind. So war es denn ein von ihm und den seinen sträflich verkanntes Menetekel, dass es ausgerechnet eine Landrätin war und nicht viele Landräte, die den Fluch der Missachteten über ihn sprachen und ihn dann wie einen tollen Bären erlegten. Es war der Aufstand der Übergangenen, der Peripherie gegen die Zentrale der Macht. Keiner hätte das jähe Ende erahnen können. Nicht einmal die Nutznießer Beckstein und Huber. Einerseits.

Andererseits hat der mit dem Text "Der Hausfriedensbruch im Licht aktueller Probleme" promovierte Dr. jur. die Wirtschaft im Sauseschritt vorangebracht, den Haushalt brachial saniert, das Land aus dem Würgegriff der Rüstung ins gelobte Land der Dienstleistungsgesellschaft überführt. Wissenschaft und Technik hat er während seiner Regierungszeit wie kein anderer vor ihm gefördert und damit Bayerns Anspruch, in die erste Reihe der Bundesländer zu gehören, gefestigt. Und er hat sogar - auch das eine kleine Heldentat - das frühere Agrarland in so gut wie allen Dingen am stolzen, aber behäbig gewordenen Erzrivalen Nordrhein-Westfalen vorbei an die Spitze der bundesrepublikanischen Innovation geführt, politisch, wirtschaftlich, perspektivisch.

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