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10.01.2001

07:34 Uhr

70-Jährige war zweite Hand von Karadzic

Plavsic stellt sich dem UN-Kriegsverbrechertribunal

Die ehemalige Präsidentin der bosnischen Serbenrepublik, Biljana Plavsic, wird sich nach Angaben ihres Anwalt am Mittwoch dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag stellen.

dpa BELGRAD/BANJA LUKA. Rechtsanwalt Krstan Simic sagte der Belgrader Nachrichtenagentur Beta in der Nacht zum Mittwoch telefonisch aus Den Haag, dass Plavsic dann die Anklageschrift erhalte werde. Sie werde sich voraussichtlich bereits am Donnerstag zur Anklage äußern.

Nach den Worten von Simic ist Plavsic nicht in Haft. Er wies Spekulationen zurück, nach denen Plavsic mit dem Tribunal eine Abmachung eingegangen sei, bevor sich sich gestellt habe.

Plavsic war am Dienstag aus Banja Luka mit einer Sondermaschine nach Den Haag abgereist. Dies teilte ein Sprecher ihrer Partei mit. Sie sei vom UN-Kriegsverbrechertribunal des Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Plavsic-Partei des Serbischen Volksbundes (SNS), Svetozar Mihajlovic, am Dienstag der dpa in Banja Luka. Es gab zunächst keine offizielle Stellungnahme seitens des Tribunals.

Die heute 70-jährige Politikerin hatte seit 1992 und während des bosnischen Krieges eine wichtige Position im Machtsystem des ehemaligen bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic, nach dem das UN-Tribunal seit 1995 noch immer wegen Kriegsverbrechen fahndet. Plavsic war Führungsmitglied der extrem-nationalistischen Serbischen Demokratischen Partei (SDS) und zwischen Mai 1992 und September 1996 eine der zwei Stellvertreter von Karadzic, bevor sie dessen Nachfolge als Präsidentin der bosnischen Serbenrepublik antrat.

Während des Bosnien-Krieges galt die Biologieprofessorin als eine der extremsten Verfechterinnen der "ethnischen Säuberungen", die zu Massenvertreibungen und Mord geführt haben. Noch zu Beginn des Krieges hatte sie enge Kontakte zu dem serbischen Freischärlerführer Zeljko Raznatovic ("Arkan"), der im Auftrag des damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic an den ersten Kriegsverbrechen und Vertreibungen der moslemischen Bevölkerung teilgenommen hatte.

Nach der Unterzeichnung des Daytoner Friedensabkommens 1995 und ihrer Ernennung zur Präsidentin der bosnischen Serbenrepublik kooperierte Plavsic mit den internationalen Organisationen bei der Umsetzung der Friedensregelungen, die sie zunächst abgelehnt hatte. "Aus einem Falken wurde eine Taube", witzelte man damals in der Serbenrepublik. Ihre neue gemäßigte Haltung war die Ursache ihrer Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen 1998 in der Serbenrepublik. Seit Ende vergangenen Jahres hat sie aus Gesundheitsgründen auch ihr Mandat als Abgeordnete im Serbenparlament niedergelegt und den Rückzug aus der Politik angekündigt.

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