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10.01.2010

15:43 Uhr

Ad hoc

Unternehmensführung in der Ära der Pistenraser

VonChristoph Hardt

Die großen Ideen der Menschheitsgeschichte sind nicht im Rahmen kollektiver Hetze entstanden. Atmen wir also durch im neuen Jahr und denken an Isaac Newton.

Auch auf der Piste gewesen? Helm auf? Und dann ab die Post? Oft genug ist die Geschwindigkeit, mit der sich auch ungeübte Skifahrer ins Tal stürzen, dabei nicht nur dem eigenen Verderben nahe. Wie sagte es jüngst der Freund: "Wenn du den Helm aufhast, dann verlierst du das Gefühl dafür, wie schnell du unterwegs bist."

Was dies mit Unternehmen zu tun hat? Wir werden in der vor uns liegenden Berichtssaison Tage erleben, die in eindrucksvoller Weise die Schnelligkeit demonstrieren, mit der Unternehmen weltweit unterwegs sind. Nie war das Reporting leistungsfähiger, nie wussten die Bosse so schnell, wohin das Geschäft gelaufen ist wie in diesen Tagen - dank der Fortschritte in Organisation und Vernetzung. Ist nicht auch die Geschwindigkeit, mit der die Krisenreaktion der Unternehmen einsetzte, das überwältigendste Phänomen der jüngsten Krise gewesen? Fast synchron kam der Absturz der Auftragseingänge, brachen in der Folge weltweit die Umsätze zusammen. Über die volkswirtschaftlichen Folgen des betriebswirtschaftlichen Geschwindigkeitsrausches aber hat sich derart schnell kein Manager Gedanken machen können. Die Metapher des behelmten Skifahrers scheint so abwegig nicht zu sein.

Womit wir beim Kern der Frage angekommen sind. Denn wenn etwas prägend ist für die abendländische Moderne, dann das Phänomen der Beschleunigung. Das hat längst die ganze Welt zu spüren bekommen. Das Tempo, das wir in unserem Geschäftsalltag sowohl in räumlicher als auch informationeller Hinsicht an den Tag legen, ist atemberaubend. Kein Wunder, dass die Appelle zur "Entschleunigung" zur Weihnachtszeit so häufig wie wohl noch nie zu lesen waren. Der Soziologieprofessor Hartmut Rosa, der die Beschleunigung gar als Hauptgrund der gegenwärtigen Krise beschreibt, gehörte zu den prominentesten Interviewpartnern der vergangenen Wochen. Wahrscheinlich trifft er den Nerv der Zeit, vieles deutet darauf hin, dass die globale Ökonomie dabei ist, die biologischen Grenzen der humanen Beschleunigungsfähigkeit zu testen. Wie viel Potenzial nach oben bleibt, wer weiß das schon. Der Widerstand wächst.

Nun soll dies nicht in den Appell münden, sich doch kollektiv für eine Zeit lang auf die faule Haut zu legen. Stillstand ist im Wettbewerb Rückschritt, das wird immer so bleiben. Dennoch: In der vernetzten Weltökonomie kommt es gerade für die Unternehmenslenker darauf an, sich und ihren Organisationen Räume zu eröffnen, die Freiheit und Stärke nicht mit Schnelligkeit, sondern mit Besinnung verbinden. Die großen Ideen jedenfalls sind nicht im Rahmen kollektiver Hetze entstanden. Atmen wir also bisweilen durch im neuen Jahr und denken an Isaac Newton, dem der zündende Einfall zum Gravitationsgesetz kam, als er, versonnen, den Apfel vom Baume fallen sah. Dass die Frucht ihm auf den (unbehelmten) Kopf gefallen wäre, wie es die Legende sagt, ist bis heute nicht bewiesen.

Kommentare (1)

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Dirk Rohde

10.01.2010, 17:04 Uhr

"Hochgeschwindigkeit" und "beschleunigung" sind die Schlüsselwörter unserer Epoche, "Eilkrankheit" ist die pathologische Diagnose ihrer Leistungsgesellschaft. Je beschleunigter das Tempo, desto mehr Verkehrsunfälle geschehen; je mehr Stress herrscht, desto schwächer ist das immunsystem, desto größer wird die Zahl der Krankheiten und Umweltallergien. Die Eilkrankheit, die eine neue Gesellschaftskrankheit ist, lässt sich mit einem Wort benennen: Zeitnot. Die Zahl der burn-outs steigt stetig, Panikattacken nehmen zu, Angst im Verbund mit Depression gehört mittlerweile zur vierthäufigsten Todesursache in westlichen industriestaaten und wird im Jahr 2020 nach den Herz Kreislauf-Erkrankungen zur zweithäufigsten aufsteigen.

www.eilkrankheit.de

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