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04.01.2010

08:00 Uhr

Ad hoc

Wenn die Elite im falschen Moment Beifall klatscht

VonChristoph Hardt

Die Wirtschaftselite wird immer spezialisierter ausgebildet. Das führt auch zu Mankos in der Allgemeinbildung und kann irritierende Situationen nach sich ziehen. Ein Beispiel.

Die Beschreibung der bundesdeutschen Wirtschaftselite als „neue Oligarchie“ gehört zu den spannendsten Passagen im fünften Band von Hans-Ulrich Wehlers „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“. Wie keine andere gesellschaftliche Gruppe der Bundesrepublik haben es Unternehmensführer und Spitzenmanager geschafft, ihre hervorragende Stellung im System sozialer Ungleichheit per Selbstrekrutierung abzusichern, ja auszubauen – frei nach dem Motto, dass der Sohn des Chefs die besten Aussichten hat, selbst wieder Chef zu werden.

Der herausragenden Stellung der Wirtschaftselite entspricht die schrumpfende Bedeutung des Bildungsbürgertums, das im Machtgefüge Deutschlands lange Zeit eine mindestens ebenso große Rolle spielte. Umso mehr stellt sich heute die Frage, wie viel Bildung eine Wirtschaftselite nötig hat, die sich auf eine Ausbildung stützt, die im Zuge des Bologna-Prozesses vor allem eines auszeichnet: zunehmende Spezialisierung – man könnte auch sagen Verengung. Wie fragte mich neulich der frischgebackene Absolvent einer europäischen Wirtschaftsuniversität, als es um die Religionszugehörigkeit der Ukrainer ging: „Woran glauben die Orthodoxen? Sind das etwa auch Christen?“

Derart verunsichert, soll nun folgende Geschichte erzählt werden: Es ist der Abend des 16. September 2009, Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der deutschen Automobilindustrie, hat zum festlichen Empfang am Vorabend der Internationalen Automobil-Ausstellung in den Frankfurter Hof geladen. Um sich von der in kulturellen Dingen eher bodenständigen Selbstdarstellung seines Vorgängers abzusetzen, hat Wissmann die Sopranistin Simone Kermes für eine höchst anspruchsvolle Unterhaltung engagiert. Erst Purcell, dann die Arie der Cleopatra aus Händels Julius Cäsar: Piangerò la sorte mia, einer der bezauberndsten Klagegesänge der Musikgeschichte. Erst der getragene Anfang, dann der wilde Mittelteil mit seinem abrupten Ende. Die Sängerin dehnt die Spannung, will zum „Piangerò“ zurückkehren, sie hebt den Atem, der Kenner hängt jetzt förmlich an ihren Lippen. Da platzt wilder Beifall in diesen wonnigen, still-bewegten Augenblick. Das ist ein hochnotpeinliches Geschehen für ein Publikum, zu dem an diesem Abend, sieht man von Ferdinand Piëch und Dieter Zetsche ab, das Who's who der deutschen automobilen Elite zählt. Die Kenntnis, dass Arien seit 400 Jahren stets nach der Form ABA ablaufen, der Interpret also nach einem eigenständigen Mittelteil zur Anfangsstrophe zurückkehrt, ist hier schon in Vergessenheit geraten.

Nun mag man einwenden, dass die Ingenieursfraktion seit jeher ein eher distanziertes Verhältnis zu Barockarien pflegt. Andererseits, auch die PS-Branche weiß um die besondere Beziehung von Form und Inhalt. Simone Kermes sei bedankt. Eine Antwort auf die Frage, wie viel Bildung eine Gruppe braucht, die sich als Elite definiert, sie ist nach diesem Abend noch dringlicher geworden.

Kommentare (2)

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Domenq

04.01.2010, 12:30 Uhr

Lieber Herr Hardt, machen Sie sich nicht unglücklich...
Wovon wollen Sie in Zukunft leben? Als bildungsberater? Als Faux-pas-instruktor?
Keine schlechte idee!

Jonas

04.01.2010, 13:26 Uhr

Könige und Kaiser waren genau so wie unsere (selbsternannte) Elite.
Das Volk fühlt sich auch schon so behandelt wie zu Feudalzeiten.
Könige und Kaiser wurden aus dem Land geprügelt. Das ist bei der neuen Elite auch überfällig, denn deren Entscheidungen sind schlecht, grottenschlecht (außer wenn es um deren eigene Taschen geht).

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