Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

28.01.2003

08:56 Uhr

Aktie des Automatenherstellers Tomra verliert zeitweise 40 Prozent

Handel blockiert Dosenpfand

VonChristoph Schlautmann

Handel und Getränkeindustrie verzögern den Start des bundesweit einheitlichen Einweg-Rücknahmesystems. Mit ihrer jetzt beschlossenen zusätzlichen Anforderung an das Pfand- Sicherheitssystem ist der Termin 1. Oktober nach Meinung von Experten nicht mehr zu halten. Einige vermuten dahinter Kalkül.

DÜSSELDORF. Der von Handel und Industrie zugesagte Starttermin für das Dosen-Rücknahmesystem ist geplatzt. Davon gehen zahlreiche Experten aus, die an den Verhandlungen im Kreis der Arbeitsgemeinschaft Verpackung und Umwelt (AGVU) beteiligt sind. "Der Termin 1. Oktober ist mit Sicherheit nicht mehr zu halten", sagte Peter Meißner, Vorstand des Entsorgers Trinkpack, der selbst zum Kreis der Bewerber gehört. Nach dem jüngsten Beschluss des federführenden AGVU- Exekutivausschusses könne man froh sein, wenn der 1. Januar 2004 eingehalten werde. Am vergangenen Freitag hatte das Gremium aus Handels- und Industriemanagern in Köln überraschend eine völlig neue Sicherheitstechnik für das bundesweit einheitliche Dosenpfand gefordert.

"Die Entscheidung hat uns vom Stuhl gehauen", sagte Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Man habe für etwas gestimmt, für das es noch nicht einmal eine Systembeschreibung gebe, kritisierte der Verbandsgeschäftsführer. "Wir fragen uns, wie sehr dies nun das ganze Verfahren verzögert."

Brancheninsider wie Trinkpack-Manager Meißner vermuten hinter dieser Verzögerung ein taktisches Kalkül des Handels, um die Pfandpflicht komplett zu kippen. Denn kehren die Verbraucher wegen der ungelösten Entsorgungsfrage den Einweggetränken den Rücken, steigt automatisch die Mehrwegquote. Dann könnte es sein, dass die Quote die Grenze der Verpackungsverordnung wieder übersteigt - womit die rechtliche Grundlage für das Zwangspfand entfiele. "Über solche Szenarien wurde bei der Metro bereits laut nachgedacht", berichtet DUH-Geschäftsführer Resch.

Sollte es einen solchen Versuch geben, wollen die Landesumweltminister dem allerdings einen Riegel vorschieben. Möglichst schon vor der Sommerpause wollen sie die Verpackungsverordnung so verändern, dass es kein Zurück mehr gibt.

Die Entscheidung der AGVU lässt viele Fragen offen. Denn fest steht bislang nur: Die Einweggetränkeverpackungen sollen eine Farbmarkierung erhalten, die von den künftigen Rücknahmeautomaten erkannt wird - Verfahren, wie sie etwa der US-Hersteller Videojet oder die Bundesdruckerei anbieten. Doch unklar ist, wie die aufgedruckten Pfandlabel zu entwerten sind. Schließlich sieht die Wunschliste des Exekutivausschusses ausdrücklich vor, dass die Getränkeverpackungen dazu nicht zwingend zerstört werden sollen.

"In der Theorie gibt es Lösungen mit organischen Farben, die sich nach der Behandlung mit UV-Licht verändern", berichtet Technikexperte Meißner. Doch diesem Verfahren seien Grenzen gesetzt: Auch die UV-Strahlung im Sonnenlicht könne die Farbe verändern und die Pfanddosen damit ungewollt entwerten. Meißner: "Das Lesegerät wird oftmals kaum zwischen Ja und Nein unterscheiden können."

In der AGVU hält man die Aufregung für unangebracht. Die Anforderungen an das Rücknahmesystem seien rasch zu erfüllen, der Termin 1. Oktober werde eingehalten. Doch das scheint unwahrscheinlich. Denn ursprünglich sollte schon am vorigen Wochenende eines der vier konkurrierenden Systeme den Auftrag erhalten. Neben der RWE-Umwelt-Tochter Deutsche Pfand AG hatte sich vor allem der norwegische Automatenhersteller Tomra Systems, dessen Aktie gestern zeitweise 40 % verlor, gute Chance ausgerechnet. Nun aber soll es nochmals zwei Monate dauern, bis ein neues System nach den Wünschen des Exekutivausschusses präsentiert wird.

Zusätzliche Verzögerungen sind ohnehin programmiert, weil zunächst das Bonner Kartellamt die bundesweit einheitliche Lösung gutheißen muss. Zudem existieren für die neue Technik noch nicht einmal Baupläne der Rücknahmeautomaten. Für eine deutschlandweite Entsorgung müssten bis Anfang Oktober aber 35 000 dieser Geräte aufgestellt sein.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×