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23.06.2000

12:28 Uhr

Aktien in Lateinamerika

Der Reiz des Südens

VonAlexander Busch

Lateinamerika lockt mutige Anleger zum Einstieg, nachdem die Region ihre Krisen überstanden hat. Belastend sind aber Einflüsse der US-Börse.

HB SAO PAULO. Lateinamerika ist gut in Form. Der Subkontinent dürfte dieses Jahr wirtschaftlich um vier Prozent wachsen. Die Inflation ist niedrig. Die meisten Regierungen halten ihre Haushalte auf Sparkurs. Viele der für die Exporte entscheidenden Rohstoffpreise sind bereits gestiegen - etwa Öl und Kupfer - oder tendieren nach oben wie Soja und Weizen. "Eigentlich ist die Stimmung in Lateinamerika hervorragend", sagt daher Paulo Leme, Direktor des Emerging Market Research bei Goldman Sachs. Dennoch haben sich die jüngsten Turbulenzen an den US-Börsen und die Zinserhöhungen negativ auf die Börsen im Süden ausgewirkt. Auch sind die lokalen Kapitalkosten und die Risikoaufschläge auf Schuldtitel gestiegen. Der Kapitalneuzufluss ist seitdem stark eingeschränkt. "Die Verletzbarkeit der Ökonomien Südamerikas hat sich wieder erhöht", sagt Leme daher. Die Gründe für das höhere Risiko in der Region sind grundsätzlicher Natur: Die Sparquote ist zu niedrig. Deswegen sind alle Staaten von ausländischem Kapital abhängig und hoch verschuldet. Schnell lässt sich das nicht ändern, denn die Exporte bestehen fast zur Hälfte aus Rohstoffen. Und die schwanken im Preis. Wegen dieser externen Abhängigkeit verlieren die lateinamerikanischen Ökonomien in der Gunst der Investoren derzeit gegenüber den asiatischen Schwellenländern. Zwar haben sich mehrere Länder Südamerikas nach der Brasilienkrise von Anfang 1999 überraschend schnell erholt. Wegen der strukturellen Defizite wird sich das Gesamtrisiko in Südamerika kurzfristig jedoch kaum bessern. Die Rating-Agentur Moody?s sieht nach Mexikos Aufwertung zum "Investmentgrad" keinen Grund, weiteren südamerikanischen Ländern das erstrebte Gütesiegel für Investoren zu verleihen. Mauro Leos, bei Moody?s für die Region zuständig: "Wir registrieren einen Aufschwung in der Wirtschaft, aber keine spürbaren Verbesserungen in den Haushalten." Das bedeutet, auch wenn die Wirtschaft weiter anzieht, werden hohe Schwankungen und im Trend wenig steigende Kurse die Folge sein. Das liegt auch an den Mängeln der lokalen Börsen. Ausländische Investoren sind zu Recht misstrauisch: Minderheitenschutz existiert an den meisten Börsen kaum. "Die Unternehmen zahlen keine Dividenden, die Bilanzführung ist mangelhaft, und Insiderhandel wird kaum verfolgt", kritisiert Eliana Cardoso, bis vor kurzem die führende Lateinamerika-Spezialistin in der Weltbank. Ein hohes Risiko für Anleger bildet auch die schrumpfende Liquidität der Börsen. Viele ausländische Konzerne, die bei den Privatisierungen der vergangenen Jahre eingestiegen sind, übernehmen die Unternehmen jetzt vollständig. Die Folge: Lokale Unternehmen verschwinden von den Börsen. Beispiel Buenos Aires: Dort hat der spanische Energiekonzern Repsol den Börsenführer YPF übernommen, die spanische Telefónica kauft außerdem ihre Beteiligungen an der lokalen Telekomgesellschaft auf. Investoren meiden nun Buenos Aires, weil sich bei geringen Umsätzen hohe Kursschwankungen ergeben können. Die Folge der Mängel der lokalen Aktienmärkte: Die rund hundert lateinamerikanischen Unternehmen, die in New York als American Depositary Receipt oder kurz ADR als Aktienzertifikate gehandelt werden, machen dort heute schon mehr Umsätze als an den lateinamerikanischen Börsen. Für die Investoren macht der Aktienkauf in New York statt in Santiago, Lima oder São Paulo Sinn: Sie umgehen die wegen ihrer Gebühren und Vorschriften teuren lokalen Börsen. Anleger, die von den mittelfristig guten Aussichten in Südamerika profitieren wollen, sollten sich auf solide Standardwerte konzentrieren. Der Lateinamerika-Stratege Renato Grandmont von der Deutschen Bank fährt eine defensive Strategie. Aus den politisch und wirtschaftlich instabilen Andenländern Peru, Kolumbien und Venezuela zieht er alle Anlagen ab. Positive Ausnahme am Pazifik ist Chile, das er neutral hält. Untergewichtet in seinem Portfolio bleibt Argentinien. Grandmont nimmt derzeit hauptsächlich brasilianische Aktien in seine Fonds. Überrascht hat Peter Cornelius, Direktor des Global Competitiveness Program des World Economic Forum, festgestellt: "Obwohl Brasilien insgesamt nach seiner Konkurrenzfähigkeit auf einem der unteren Plätze rangiert, stehen seine Unternehmen im internationalen Vergleich gut da." Für Roger Wright, Chef des Investmentbankings von Credit Suisse First Boston in São Paulo, sind die Kriterien bei der Auswahl von Blue Chips in Brasilien klar: "Keine Unternehmen, in denen Multis das Sagen haben, denn die brauchen die lokalen Kapitalmärkte nicht. Auch Rohstoffexporteure sind wegen ihrer zyklischen Entwicklung nicht geeignet." Der CSFB-Experte empfiehlt vor allem Aktien von Unternehmen, die vom großen brasilianischen Binnenmarkt abhängen. Seine Tipps: alle Unternehmen, die etwas mit der Bauwirtschaft zu tun haben. "Da gibt es einen riesigen Nachholbedarf." In Frage kämen für ihn Unternehmen wie der Zementproduzent Cimento Itaú, der Stahllieferant Gerdau oder der Sanitärhersteller Duratex. Dennoch bleibt Wright skeptisch: "Erst wenn brasilianische Unternehmen auf lokales Kapital zur Finanzierung setzen können, wird die Börse richtig interessant. Dafür ist jedoch die Steuer- und Rentenreform notwendig." Für Wright könnte dann auch eine neue Generation von brasilianischen Unternehmen - vor allem aus der Branche Internet - Telekom - Media - Software - die traditionellen Marktführer ablösen. Wer in Aktien investieren will, kann auch den Umweg über Madrid nehmen: Die spanischen Großbanken Banco Santander Central Híspano (BSCH) und Banco Bilbao Vizkaya Argentaria (BBVA) sind ebenso wie der Stromkonzern Endesa und die Telefónica die wichtigsten Multis in Südamerika in ihren Branchen.

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