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20.07.2000

19:00 Uhr

Aktienchats

Keine Geheimtipps beim Chat im Internet

VonJÖRG SCHÄFER, FRIEDERIKE STORZ

Im Internet gibt es keine Geheimnisse, schon gar keine Geheimtipps. Das einzig Geheimnisvolle in den Chaträumen von Banken oder Finanzdienstleistern sind die echten Namen der Chatter, die vermeintlich gute Titel anpreisen.

In den Chaträumen gelten eigene Regeln. Man bleibt gern anonym, gibt sich Phantasienamen: zum Beispiel Zockermicha, Lupe, Stormi, TecTrader. Diese vier waren am Dienstagnachmittag mit dabei, als sich Handelsblatt.com unter dem Pseudonym "Geld her" bei Wallstreetonline.de einloggte und fragte: "Wie kann ich hier Geld verdienen?" Die Antwort kam prompt von Eddy16: "Indem du dir 595411 zulegst und wartest, bis VW auf 100 Euro steigen!" "Wieso ausgerechnet VW?", will ,Geld her? wissen. Da schaltet sich Ilmenau ein: "Besser wäre wohl DaimlerChr." ,Geld her?: "Und woher weißt du das?" Ilmenau: "Daimler wird strong empfohlen von UBS ."

Geschickt hat Ilmenau das Online- Gespräch von einer Aktie auf die andere gelenkt - und 33 potenzielle Anleger lesen mit. Wer Ilmenau ist, wissen die anderen Chatter nicht. "Das ist ein Problem", sagt Petra Krüll von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, "niemand gibt Kaufempfehlungen ab, um anderen etwas Gutes zu tun." Immer stecke hinter einer Empfehlung auch ein Motiv: Entweder hat der Chatter Aktien gekauft und lobt nun das Papier über den Klee, damit der Kurs steigt. Oder der Chatter redet eine Aktie schlecht, damit der Kurs fällt und er einsteigen kann. Denn schon wenige Anleger können den Aktienkurs kleiner Firmen beeinflussen.

Das Problem kennt Frank Kumpfmüller, Chat-Verantwortlicher bei Wallstreetonline, natürlich auch. Er unterscheidet bei den Unbekannten, die durch ihre Tipps Kurse in die Höhe treiben wollen, zwischen "Dumm-Pushern" und "Subtil-Pushern". Der erste lege im Chat sofort los mit "unbedingt kaufen", der andere verschaffe sich über eine gewisse Zeit Vertrauen und preise dann nach und nach Aktien an, die er selbst im Depot liegen hat. In solchen Fällen reagiert Kumpfmüller nach einem Stufenplan. Offensichtliche Manipulanten würden zuerst mundtot gemacht, indem der Moderator die Beiträge für eine gewisse Zeit sperre. Sollte der "Pusher" nach seinem Exil wieder versuchen, Kurse einzelner Aktien zu beeinflussen, werde er ganz rausgeschmissen.

"Wenn der Analyst einer Bank eine Empfehlung gibt", sagt Petra Krüll, "dann weiß ich, was ich davon zu halten habe." So würden möglicherweise Aktien gelobt, die in den Fonds der Banken liegen. Schließlich steige mit dem Wert der Aktien auch der Wert des Fonds. Oder eine Bank hat ein Unternehmen an die Börse geführt und will bei einer Kapitalerhöhung wieder verdienen. Auf jeden Fall sei die Empfehlung nachvollziehbar, meint Krüll. Im Chatroom ist das aber anders.

Dienstagnachmittag sind auch je ein Mitarbeiter der Dresdner Bank und einer von Infineon mit dabei. Beide legen sich ein Pseudonym zu, aber durch die Internet-Adresse kann Kumpfmüller nachvollziehen, aus welchem Firmennetz sich die beiden zugeschaltet haben. Um welche Personen es sich handelt, wäre im Zweifel auch herauszubekommen, betont Kumpfmüller.

Das ist wichtig, denn schon mehrfach hat bei Wallstreetonline der Staatsanwaltschaft angeklopft. Wer zum Beispiel an einem Board, also einer Online-Pinnwand für Nachrichten, Insiderwissen ausplaudert, macht sich strafbar. In den USA hatte das FBI vor wenigen Wochen den größten organisierten Betrug an Anlegern in der Geschichte des Landes auffliegen lassen. 120 mutmaßliche Täter - auch aus Mafia-Kreisen - sollen unter anderem in Chatrooms in betrügerischer Absicht Aktien als wertvoll angepriesen und zum Kauf verlockt haben. "Jeder ist für seine Anlageentscheidung selbst verantwortlich", sagt Petra Krüll, "und niemals sollte der Einzeiler am Brokerboard für eine Entscheidung ausreichen."

Bei Expertenchats wird dagegen mit offenen Karten gespielt. Täglich bietet Wallstreetonline einem Fondsmanager, Analysten, Vermögensverwalter oder Firmenchef das Forum zum Expertenchat. Die Firmenchefs bezahlen für den Chat, der in der Regel eine Stunde dauert, 5 000 Mark. "Das sind keine bezahlten Interviews", sagt Kumpfmüller, "wir werden bezahlt, weil wir die Plattform zur Verfügung stellen."

CHATTIQUETTE

"Chatten" kommt aus dem Englischen und bedeutet "Schnattern". Mehrere Personen kommen dabei in einem virtuellen "Chatroom" zusammen und unterhalten sich über ein bestimmtes Thema. Flirts stehen zwar immer noch an erster Stelle, aber die Online-Dialoge, die abends, nachts, oder in der Mittagspause im Büro geführt werden, drehen sich immer häufiger auch um Aktien, Daytrading oder Optionsscheine.

Die Chatter gehen anonym mit einem Spitznamen ("Nickname", etwa " Zockermaus" oder "Onkel IPO") in den Chat. Bei moderierten Chats werden nur einzelne Fragen in den öffentlichen Raum gestellt, die für alle interessant sind und von Experten beantwortet werden. Bei offenen Chats gehen die bunt eingefärbten Textbotschaften dagegen oft wild durcheinander. Es dauert unter Umständen ein bisschen, bis man die Antwort auf seine Frage findet. Wichtig beim Chatten: Man sollte sich kurz fassen, aber freundlich bleiben. Das gebietet die "Chattiquette", die Benimmregeln im Internet. Noch eine Hilfe: Smileys sagen manchmal mehr als Worte: $-))) steht etwa für geldgierig, :-# für zensiert. Kürzel wie TX (Thanks, Danke) oder CU (see you, Tschüss) kürzen die Dialoge ab.



ADRESSEN

www.wallstreetonline

wallstreetonline ist eine der besten Chat-Seiten für Finanzthemen. Die Online-Gemeinde veranstaltet regelmäßige Gesprächsrunden (Chats). Die geladenen Experten sind Analysten, Fondsmanager oder sogar Unternehmensvorstände. Die Mitschnitte der vergangenen Chats (etwa mit dem Chef des Online-Buchversands buecher.de oder die Expertenrunde zu Biotechaktien) sind im Archiv nachzulesen, das anderthalb Jahre zurück reicht. Bei der Nutzer-Bewertung kann man sehen, welche Aktien andere zum Kauf oder Verkauf empfehlen und selbst seine Einschätzungen mit Kursziel angeben

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www.investorworld

Der Zugang zu den Chats bei Investorworld ist mit einem Password geschützt. Wer sich die Seite anschauen will, kann einen Gastbesuch machen. Ein Blick in das gut bestückte Chat-Archiv überzeugt, die Themen, über die gesprochen wird, sind interessant. Die Chats finden zwei- bis dreimal im Monat statt. Es geht unter anderem um Kapitalanlagen im Internet, Optionsscheine, die Chancen und Risiken des japanischen Aktienmarktes, oder es wird online ein Telekom-Analyst von Oppenheim Research befragt. Das Verzeichnis sagt jeweils, wer der Experte am Rechner ist.

www.stockwatch

Ein Klick auf die Rubrik "Community" zeigt, wie viele Mitglieder die "Gemeinde" im Moment hat und wie viele online sind. In den "Stock Watch Foren" sind gut 4 000 Nachrichten gesammelt, aufgeteilt in 14 Kategorien. Die Finanzforen sind aktuell, der letzte Eintrag ist selten älter als einen Tag. Die meisten Nachrichten gibt es zum Neuen Markt (1 229 Einträge) und zu Internet-Aktien (695). Weitere Foren behandeln Wall Street, Schwellenländer oder Neuemissionen. Mit Vorsicht zu genießen: die Rubrik mit Gerüchten vom Stil "Der Supercrash kommt" oder "Startup verteilt Gratisaktien".

href="http://www.comdirect.de" target="_blank"> www.comdirect

Auf der Seite der Online-Bank finden Anleger nicht nur Nachrichten und Börseninformationen, sondern in der Regel einmal pro Woche auch einen Video-Chat (von N24), bei dem Unternehmensvorstände, Analysten oder Fondsmanager zu den kommenden Börsengängen Stellung nehmen (dazu müssen allerdings der Real Player oder der Windows Media Player auf dem PC installiert sein). Nach dem Login öffnet sich das Tor zum nächsten Experten-Chat, etwa zum Thema: asiatische Internetwerte oder - kommen die Tiger-Staaten wieder in Schwung ?

www.consors

Der Nürnberger Online-Broker bietet Diskussionen zum deutschen und internationalen Börsengeschehen. Themen sind der Neue Markt, die Dax-Werte (von Adidas bis Volkswagen) oder auch ausländische Aktien. Die Beiträge sind geordnet nach Einzelwerten und mit Datum und Uhrzeit versehen. Am "Broker-Board" kann nach einzelnen Aktien gesucht werden. Auch ihre Meinung zu Technologie-Werten, Biotech-Aktien oder der Geldanlage an den Börsen von Schwellenländern können die Surfer loswerden. Daneben geht es um Fonds, Zertifikate und Renten

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www.schnigge

Der Börsenmakler hat sein Online-Forum eben neu eröffnet. Das "Message-Board" liefert Meinungen zu einzelnen Aktienwerten, zum Telefonhandel und weiteren Finanzthemen. Auf der allgemeinen Online-Pinnwand sind bereits mehr als 600 Einträge verzeichnet. Sie reichen von Anleger-Fragen zum Potenzial der Senator-Aktie bis zum Sommerloch am Aktienmarkt. Die einzelnen Diskussionsbeiträge werden zudem bewertet, die Noten reichen von "hervorragend" bis "schlecht". Wer bei den Börsenthemen mitreden will, muss aber erst seine Adresse preisgeben

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www.das-wertpapier

Ärger über das Fondsmanagement? Wer Rat in Sachen Anlegerschutz sucht, ist bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) richtig. Die Chats haben auf der Homepage zwar schon eine eigene Rubrik, sind aber noch nicht anklickbar. Dafür bietet die Internetseite Foren satt. Nutzer stellen hier Fragen zur Zuteilung von Neuemissionen oder können ihren Ärger loswerden. Auch über den Auf- und Abstieg des Dax darf diskutiert werden. Im Investment-Club treffen sich Mitglieder oder solche, die einen eigenen Aktienclub gründen wollen. Die DSW beantwortet dazu alle Fragen.

www.webchat

Die Seite ist ein guter Ausgangspunkt für Streifzüge durch die deutschsprachige Chat-Landschaft. Neben jedem Chat wird die Anzahl der Teilnehmer angezeigt. Dazu gibt es eine Statistik darüber, wie viele Chatter die virtuelle Diskussionsrunde in den letzten 24 Stunden besucht haben. Auch die Suche auf der Seite www1.inetservice.de/chat-finder zeigt nicht nur den Weg zum Online-Flirt, sondern führt auch fünf Finanzchats auf, vom moderierten Business-Chat über Daytrading und Optionsscheine oder US-Aktien bis zum WiWi Cafe (Chat der Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Münster).



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