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15.01.2003

07:30 Uhr

Aktienkultur

Analyse: Der Aktionär ist mündig geworden

VonChristian Schnell

Lange Zeit wurden die deutschen Aktionäre wie eine Herde Lemminge dargestellt. Explodieren die Kurse, kauft jeder blindlings. Fallen die Aktienpreise ins Bodenlose, will jeder nur noch verkaufen. Dazu passte das Szenario vom gierigen Anleger, der nur auf den schnellen Euro aus ist und der bestenfalls ein solides Halbwissen von dem Unternehmen hat, an dem er sich beteiligt.

Dieses Bild muss wohl seit der umfassenden Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI) über das Anlegerverhalten im zweiten Halbjahr 2002 umgehend revidiert werden. Waren doch zur Jahreswende über 600 000 Deutsche mehr in Aktien investiert als noch im Sommer 2002. Und das, obwohl der Deutsche Aktienindex (Dax) seit dem Sommer über 30 Prozent an Wert verloren hat.

Deutlich wird dieser Trend an der Basis: Die Anlageberater bei den Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken, die die breite Masse der Privatdepots verwalten, haben es inzwischen verstärkt mit bestens informierten Kunden zu tun, denen Begriffe wie Kurs- Gewinn-Verhältnis oder Discounted Cash-flow längst geläufig sind. Auch Börsennachrichten in den Medien sind nach wie sehr gefragt: Hier bestätigt sich, dass trotz der seit fast drei Jahren anhaltenden Baisse an den internationalen Börsen das Interesse der Anleger an Aktien nicht erlahmt ist.

Die meisten agieren nach der Devise: Zwar lässt sich im Moment nicht viel verdienen, doch will man als privater Investor den nächsten Aufwärtstrend nicht verpassen. Den sahen wohl viele Mitte Oktober bei Dax-Ständen um 2 500 Punkte gekommen. Wer da mutig zugriff, wurde belohnt. Knapp 25 Prozent hat der Dax seither gewonnen.

Auch die im vergangenen Jahr oftmals zu vernehmende Aussage, durch die lange Baisse sei die Aktienkultur in Deutschland am Boden, stimmt so nicht. Schließlich ist die Zahl der Aktionäre hier zu Lande seit 1988 um über 66 Prozent gestiegen. Von Verhältnissen wie in den USA, wo mehr als ein Drittel der Bevölkerung Aktien besitzt, ist man in Deutschland zwar weiterhin ein gutes Stück entfernt. Aktuell 5,3 Mill. Aktionäre sind jedoch gerade vor dem Hintergrund, dass es selbst zu Hype-Zeiten des Neuen Marktes im Jahr 2000 lediglich 6,2 Mill. Aktionäre in Deutschland gab, eine stattliche Zahl. Zumal damals viele Anleger Aktien gekauft haben, ohne zu wissen, womit das jeweilige Unternehmen überhaupt sein Geld verdient. Der Aktienkultur war damit trotz des damals immensen Interesses an Anteilsscheinen sicherlich nicht gedient.

Bedenklich stimmt allerdings die nach wie vor geringe Akzeptanz der Aktie in Ostdeutschland. Nur 2,5 Prozent der Bevölkerung in den neuen Bundesländern legt ihr Geld in Aktien an. Dazu beigetragen haben sicherlich die schlechten Erfahrungen mit Aktien in den letzten Jahren und die angespannte wirtschaftliche Situation. Es mangelt aber vielmals auch am Wissen um Chancen und Risiken dieser Anlageform. Ein generelles Schulfach Wirtschaft könnte, wie vom DAI gefordert, hier langfristig Abhilfe schaffen.

Gespannt sein darf man jetzt schon, wie die Aktionärsstruktur bei der nächsten Erhebung im Sommer aussehen wird. Konjunktur, Steuerpolitik und Irak-Konflikt bergen Gefahren. Sollte die Zahl der Aktionäre trotzdem steigen, wäre die deutsche Aktienkultur erneut ein Stück weiter.

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