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29.01.2001

10:36 Uhr

Aktionär musste Erklärung unterschreiben, Inhalte der Bewertung nicht an Dritte weiterzugeben.

Refugium: Auf der Hauptversammlung ist Krach vorprogrammiert

VonMelanie Volberg (Handelsblatt.com)

Am Mittwoch findet die außerordentliche Hauptversammlung der Refugium AG statt. Das Management möchte mit dem Seniorenheimbetreiber Pro Seniore zusammengehen und das Grundkapital um 300% erhöhen. Dazu braucht Refugium aber eine Dreiviertelmehrheit der Aktionäre. Die aber fürchten Manipulationen bei der Bewertung und kündigen Widerstand an.

DÜSSELDORF. "Wo bekommt man denn hier eine Klaschnikow oder Handgranaten," schreibt der wütende Chatter mit dem Psydonym "Amokläufer" im Chatforum Refugium. Ein andere Schreiber korrigiert ihn: "Das heißt Kalaschnikow." Aber Rechtschreibung ist in solchen Foren kein Thema. Hier geht es um Geld gewinnen oder verlieren - und damit um Emotionen. Die Refugium-Aktionäre sind sauer - stocksauer. Und das mit gutem Grund: Der Seniorenheimbetreiber Refugium verbucht einen traurigen Rekord. Einer der ersten Titel am Neuen Markt und das erste Unternehmen, das wegen Bilanzfälschung aufflog. Der Vorstandsvorsitzende Paul Kostrewa wurde im August 1999 fristlos entlassen und dann angeklagt. Ihm und drei weiteren Vorständen wurden "bilanztechnisches Missmanagement" vorgeworfen. Seitdem ist es auffällig still um das Unternehmen geworden. Der Aktienkurs kennt nur eine Tendenz: Abwärts. Derzeit schwankt er um 5,6 Euro.

Kapital wird verwässert

Der neue Vorstandsvorsitzende Klaus Küthe hatte bei seinem Amtseintritt 1999 die Sanierung versprochen. Er wollte das Unternehmen wieder seinem Kerngeschäft zuführen. Die Aktie war damals von ehemals 38 auf 16 Euro gefallen. Heute zeigt sich: Klaus Küthe suchte vor allem ein Unternehmen, das bei Refugium einsteigt. Das fand er "nach schwierigen Verhandlungen - ich mußte ja auch die Gold-Zack berücksichtigen" - im Marktführer Pro Seniore. Geplant ist, dass Pro Seniore seine Tochter den Altenheim-Dienstleister Victor's Health Care Services (Gebäudeverwaltung, Waschen, Kochen) und die Firma Gold-Zack die Pako Immobilien AG in Refugium einbringen werden. Das Grundkapital würde sich so um 300 % von 52.5 Mill. DM auf 210 Mill.DM erhöhen. Da die freien Aktionäre "diese Kapitalerhöhung faktisch nicht erbringen können", so das Unternehmen, wird das gesetzliche Bezugsrecht der freien Aktionäre auf Teilnahme an dieser Sachkapitalerhöhung § 186 (Gesetz) ausgeschlossen. Das hat Konsequenzen für die Aktionäre: Ihr Anteil von 80% an Refugium und damit die Möglichkeit der Einflußnahme sinkt auf 21 %. Der Protest auf der Hauptversammlung ist vorprogrammiert. Die Aktionäre können Widerspruch einlegen und dann innerhalb einer 4wöchigen Frist beim Landgericht klagen. "Die Chancen für eine erfolgreiche Klage sind gut," meint der Jurist Norbert Reiner von der Deutschen Börse. "Das Unternehmen bietet danach meistens einen höheren Teil mit Bezugsrecht an."

Schlüssiges Unternehmenskonzept fehlt

Damit ist den Aktionären aber noch nicht geholfen. Die Sanierung brachte bisher nicht den versprochenen Erfolg. Schon im letzten Halbjahr wollte das Unternehmen wieder in den schwarzen Zahlen sein, schaffte es aber nur die Verluste zu verringern. Außerdem hat Refugium Liqiditätsprobleme. Klaus Küthe im Gespräch mit Handelsblatt.com: "Wir brauchen dringend Kapital. Ein Wunder, dass wir die letzten Monate überstanden haben." Die Aktionäre warten immer noch auf ein schlüssiges Unternehmenskonzept, wie die Ergebnisse verbessert werden können, so dass sich wieder Investoren für den Titel interessieren. Die Einbringung der Pako Immobilien und der Victor?s Health Care Services wirft immer mehr Fragen auf. Warum sollte der Umsatz gesteigert werden, wenn die Immobilien zum Konzern gehören? Auch das Interesse an der Victor?s Health Care Gesellschaft ist nicht klar: Hartmut Ostermann, der Vorstandsvorsitzende der Pro Seniore meint, dass durch größere Bestellmengen die Einkaufspreise gesenkt werden können. Dies hält Hans Götz von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) für nicht schlüssig: "Nahrungsmittel und Raumpflege werden von einem regionalen Anbieter bezogen. Schwer vorstellbar, dass alle Brötchen in Hamburg bestellt werden und dann durch die Republik gekarrt werden."

Aktionär sollte "Nichts weitererzählen"

Ein Aktionär droht schon im Vorfeld der Hauptversammlung mit Klage. "Ich glaube, dass die einzubringenden Firmen (Victor 's Health Care und Pako Immobilien) nicht richtig bewertet worden sind", sagt der Rechtsanwalt Michael Bohndorf gegenüber Handelsblatt.com. Die Höhe der Grundkapitalerhöhung beruht auf der Bewertung von Anderson Consulting und die PwC Deutsche Revision AG. Bohndorf hatte hartnäckig darauf bestanden, Einsicht in die Bewertungsgutachen der Wirtschaftsprüfer zu nehmen. Dabei entdeckte er seinen Angaben zufolge, dass die Victor's Health Care zum 30.6.2000 mit 245 Mill. DM bewertet wurde und jetzt zum 22.1.2000 mit 319 Mill. Euro. Ein Wachstum des Unternehmenswertes in diese Höhe, in dieser kurzen Zeit hält der Anwalt für ausgeschlossen. Mißtrauisch stimmt ihn auch die Art und Weise der Einsichtsnahme: Refugium legte dem Aktionär die Unterlagen nur vor, nachdem er eine Verpflichtung unterschrieb, die "Inhalte nicht an Dritte weiterzugeben." Kopieren oder die Mitnahme eines Diktiergerätes waren verboten.

Kritisch ist er auch gegenüber der Bewertung der Immobliengesellschaft Pako. Und das nicht ohne Grund: Die Pako wurde damals von Paul Kostrewa gegründet. Der ehemalige Bauunternehmer verkaufte im ersten Schritt die Immobilien von Refugium zu überhöhten Preisen an die Pako und ließ anschließend die Refugium für die Objekte hohe Pachten an die Pako zahlen. So konnte er in den ersten Jahren hohe Erträge verbuchen. Zwar konnte die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) erfolgreich gegen das Unternehmen klagen - die Jahresabschlüsse für 1997 und 1998 wurden für nichtig erklärt - aber die Bewertung von Immobilien und den mit Immobilien verbundenen Geschäften bleibt schwierig. Für Michael Freikin, Fondsmanager bei der Invesco ein Grund bei solchen Titeln vorsichtig zu sein: "Solche Firmen werden an der Börse oft falsch eingeschätzt."

Auch ein weiteres Detail läßt das Vertrauen in die Bewertung nicht gerade wachsen: Seit 2 Wochen fordert die SdK die Bewertungsgutachen der Wirtschaftsprüfer bei Refugium an. Erhalten hat sie die Aktionärsvertretung trotz mehrmaligen Nachfragens nicht. Das irritiert die Anleger. "Einem privaten Aktionär kann es nicht zugemutet werden, die komplizierten Bewertungsgutachten erst bei der Hauptversammlung einzusehen," meint Hans Götz von der SdK.

Strategie der Zukunft ist entscheidend

Nur eines kann den Investoren jetzt noch helfen. Ein gutes Konzept für die Zukunft. Eine Schlüsselrolle in der Zukunft von Refugium wird Hartmut Ostermann innehaben. Der Mehrheitseigner der Refugium kann Know-How im Pflegebereich vorweisen. Aber die Story von Refugium, in die Aktionäre investiert haben, war eine margenkräftigere: Refugium wollte zu einem Freizeitdienstleister für Menschen ab 55 Jahre werden. Die Senioren sollten Betreutes Wohnen, Reisen und Freizeitangebote über Refugium beziehen. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende Paul Kostrewa hatte bereits angefangen Einrichtungen für Betreutes Wohnen in Spanien zu bauen. Weitere Länder im Ausland hatte er im Visier. Den Luxus im Alter sollte sich der Kunde durch eine Art private Rentenversicherung ansparen. Dazu kooperiert Refugium mit der Generali und der Nürnberger Versicherung. Dieses Modell wurde bei Börseneinführung von den Analysten gelobt. Martin Kunz vom Value Management Research: "Am Anfang hatte wir die alle im Depot. " Der Pflegeheimbetrieb alleine bedeutet kein großes Gewinnpotenzial: "Das ist ein Bereich, der abhängig ist von Staatsregulierungen," meint Kunz. Pro Seniore Chef Ostermann aber betont die Größenvorteile. "Refugium und Pro Seniore haben zusammen 23.000 Betten. Damit lassen sich Synergien erzielen. Das Vertrauen der Aktionäre laßt sich mit diesen Argumenten aber noch nicht zurückgewinnen. Dies gibt auch Ostermann offen zu. Er gibt für seinen Einstieg vor allem folgenden Grund an: "So besitze ich mehr fungible Werte, um weitere Zukäufe zu tätigen." Von diesem Konzept wird er die Aktionäre am Mittwoch überzeugen müssen - friedlich und ohne Kalaschnikows.

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