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13.01.2003

08:46 Uhr

Alarmierende Aussagen der Turnierärzte

Der Wanderzirkus geht am Stock

VonJörg Allmeroth (Handelsblatt)

Nach 17 Profijahren hat er alle Tricks und Schliche raus, kennt den Überlebenscode in der Knochenmühle Profitennis. Schaut sich Andre Agassi die heutigen extremen Belastungen für die Spieler an, dann ist er froh, "dass ich nicht noch mal anfangen muss mit meiner Karriere". Denn "der Stress ist mörderisch."

Andre Agassi sagt: "Der Stress ist mörderisch." Foto: dpa

Andre Agassi sagt: "Der Stress ist mörderisch." Foto: dpa

MELBOURNE. Vor den Australian Open hat sich auch Agassi den Forderungen vieler Spieler angeschlossen: ein Ende des Reformstaus, des unsinnigen Terminkalenders und der Ganzjahresbelastungen: "So kann es nicht weitergehen. Sonst verliert dieser Sport an Qualität", sagt der älteste Spitzenspieler der Szene.

Noch nie gab es eine Situation wie jetzt zum Start der Australian Open. Schon in der dritten Woche der Saison, zu einem Zeitpunkt also, in dem sich hungrige und ausgeruhte Profis ans Werk machen sollten, herrschen Verdruss, Ärger und Depression. Ausgelaugt und müde reisten die meisten Topkräfte ans andere Ende der Welt, nach einer viel zu kurzen Pause zwischen den Spielserien.

Was bisher nur im Schlussspurt der Saison beklagt wurde, ist nun trauriger Tatbestand im sonnigen Australien: Der Wanderzirkus geht am Stock, gleich serienweise melden sich Spitzenleute ins Lazarett ab. In der Rod Laver Arena zu Melbourne kann Turnierdirektor Paul McNamee vor allem im Herrenwettbewerb kein geschlossenes Starensemble mehr aufbieten - Ausfälle von Größen wie Pete Sampras, Tommy Haas, Tim Henman, Greg Rusedski, Paul-Henri Mathieu oder Champion Thomas Johansson haben ihm schwer zugesetzt. McNamee hofft inständig, "dass in letzter Minute nicht noch mehr passiert". Dass das Tennis-System seine Besten bestraft, weiß auch McNamee. Er darf es nur nicht zugeben. Aber die Klagen der Stars werden lauter und die Nöte größer. Allein zwei der Masters-Cup-Teilnehmer verletzten sich im Warm-up zu den Australian Open, erst der Schweizer Roger Federer, dann auch noch Vorjahresfinalist Marat Safin.

"Ich habe nur gut zehn Tage wirklich ausgespannt", sagt Safin, der auch noch beim Davis-Cup-Finale zwischen Frankreich und Russland engagiert war. Federer, der sich in zwei Spielzeiten in die Weltspitze vorgearbeitet hat, kämpfte sowohl 2002 wie auch jetzt mit körperlichen Verschleißerscheinungen. "Auf Dauer kann man so ein Programm nicht durchhalten", sagt der Basler. Selbst der bisher unverdrossene Marathonmann Lleyton Hewitt, der im letzten Jahr über 80 Wettkampfspiele bestritt und als Topfavorit in seinen Heim-Grand-Slam geht, meint besorgt: "Ich weiß nicht, wie lange ich diese Intensität bringen kann. Die Dichte von Turnieren geht an die Substanz." Für 2003 hat sich die Nummer eins vorgenommen, seine Verpflichtungen zu reduzieren, "schließlich will ich noch ein paar Jahre spielen".

Die Diagnosen der Turnierärzte klingen alarmierend: "Viele Spieler bewegen sich gesundheitlich im roten Bereich", sagt der Hamburger Professor Bernd Kabelka, "Verletzungen werden nicht auskuriert, Regenerationszeiten sind zu kurz." Ein US-Mediziner sagt: "Viele handeln nach dem Motto ,Die Konkurrenz ist so hart. Da kann ich mir keine lange Auszeit leisten? ".

Nachdem der Weltverband, die Spielervereinigung ATP und die Turnierbosse bisher genüsslich ihre Besitzstände verteidigten und ihre Egoismen pflegten, kommt nun unter dem Druck der müden Profis endlich Bewegung in die Reformdebatte. Der italienische Weltverbands-Präsident Ricci- Bitti schlug vor, die Australian Open in den März zu verlegen und so die Winterpause zu verlängern.

Da er engen Kontakt zur ATP hält, deuten sich vereinte Anstrengungen an, den Kalender so zu entschlacken, dass zwischen allen Top-Events mehr Zeit zum Luftholen bleibt. "Wir wollen nicht, dass das Tennis seine Stars auffrisst", sagt Ricci-Bitti.

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