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02.06.2000

15:16 Uhr

Frankfurt/Main (dpa) - Marcel Reich-Ranicki hat sich alle Träume eines Literaturkritikers erfüllt. Er ist berühmt wie nur wenige lebende Schriftsteller. Seine jüngst erschienene Biografie ist ein Bestseller, der schon eine halbe Million mal verkauft wurde. Reich-Ranicki ist populär und gefürchtet, ein Gigant in der Literaturbranche und ein Star im Fernsehen. Er will nicht der "Literaturpapst" sein, wie ihn manche bezeichnen, aber er ist schon so hoch und unangefochten im Olymp der Mediengesellschaft angelangt, dass er fast schon selbst zur literarischen Figur taugen könnte. Der unbequeme Kritiker feiert am 2. Juni seinen 80. Gebuurtstag.

Nicht zuletzt sein Buch "Mein Leben" gibt Zeugnis von einem ungewöhnlich bewegten Leben. Nun, im hohen Alter, denke er fast täglich an den Tod, gestand Reich-Ranicki in einem Interview. Dennoch stecke er voller Pläne, über die er aber nur ungern spreche.

Reich-Ranickis Leben wurde vor allem von zwei großen Lieben bestimmt: Zum einen von der Leidenschaft für die Literatur, die, glaubt man seinen Ausführungen in manchen Gesprächen, für ihn schon fast religiösen Stellenwert besitzt. In der Literatur habe er Schutz gefunden, den er sonst im Leben nicht gesehen habe. "Literatur unser Asyl, Musik unsere Zuflucht", schreibt Reich-Ranicki. Als zweiter roter Faden seines Lebens gilt die innige Beziehung zu seiner Frau Teofila, die er in der Zeit des Nazi-Regimes im Warschauer Getto kennen lernte und mit der er seit über 60 Jahren verheiratet ist.

Widerstandkämfer im Warschauer Getto

Die Zeit der deutschen Judenverfolgung wurde prägend für den Sohn jüdischer Eltern, der im Getto zunächst in der Verwaltung tätig war, dann Widerstandskämpfer wurde und dem schließlich die Flucht in den Untergrund gelang. Seine Eltern, wie auch die seiner Frau, fielen dem Nazi-Terror zum Opfer. In den Wirren der Kriegs- und Nachkriegsjahre schloss er sich der polnischen Armee - und dann den Kommunisten - an, wurde später Diplomat in Berlin und London.

1949 wurde er aus ideologischen Gründen in Warschau aus Ämtern und Partei geworfen, landete für einige Wochen im Gefängnis. Anschließend wurde der Liebhaber der deutschen Literatur - Reich-Ranicki hatte sein Abitur noch vor der Deportation nach Polen in Berlin gemacht - Lektor und freier Schriftsteller.

Als vernichtender Kritiker gefürchtet

1958 kam Reich-Ranicki zu Studienzwecken in die Bundesrepublik und kehrte nicht mehr nach Warschau zurück. Ab 1960 machte er sich als Literaturkritiker der Wochenzeitschrift "Die Zeit" rasch einen Namen als selbst- und sendungsbewusster Autor. Er schreckte weder vor großen Namen - wie Heinrich Böll oder Günter Grass - zurück noch vor scharfzüngigen Kritiken, die ihm den Vorwurf einbrachten, er schreibe vernichtende Artikel. Bei der "Zeit" fühlte sich der Kritiker aber nicht wohl, in seiner Biografie wird deutlich, dass er hier fast antisemitische Vorbehalte gegen sich zu spüren glaubte.

Von 1973 bis 1988 leitete er die Literatur-Redaktion der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", für die er noch heute schreibt. Sein Ruf als meistgelesener und meistgehasster Literaturkritiker, so sein Kollege Joachim Kaiser, bescherte Reich-Ranicki Gastprofessuren im In- und Ausland, die Mitgliedschaft in zahlreichen Jurys und Gremien. Der Star-Kritiker macht keinen Hehl daraus, dass auch eine Portion Eitelkeit und Egozentrik zu seinem Selbstbild gehörten.

Den Bundesbürgern richtig bekannt wurde Reich-Ranicki, der sich als "Verteidiger oder Ankläger im Namen der Literatur" versteht, mit dem "Literarischen Quartett" im ZDF, das seit den 80er Jahren ein Millionenpublikum lockt. Das Quartett habe "eine Wirkung für die ernste Literatur, wie sie das Fernsehen noch nie erreichte", betonte Reich-Ranicki stolz in einem Interview der "Welt am Sonntag" (WamS). Die Sendung gilt inzwischen als publikumswirksamste öffentliche Instanz für Buchkritik. Der Kritiker Reich-Ranicki, Autor von rund 640 Aufsätzen und Kritiken über mehr als 225 Schriftsteller ist mit 80 Jahren selbst hoch geachteter Autor und schillernder Star- Entertainer - und dank seines überaus eigenwilligen Sprachductus und seiner Lust am bissigen, rhetorisch geschliffenen Disput ein Liebling der Kabarettisten und Stimmenimitatoren.

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