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29.04.2003

21:30 Uhr

Allianz-Hauptversammlung

Reportage: Im Kartell der Kapitalvernichter

VonCaspar Busse (Handelsblatt)

Schulte-Noelle geht, Diekmann kommt - bei der Allianz soll alles besser werden. Fünf Stunden muss der Neue auf der Hauptversammlung warten, ehe er zu Wort kommt. Dann kritisiert er seinen Vorgänger und verspricht, was alle hören wollen: Profite.

HB MÜNCHEN. Michael Diekmann gibt sich volksnah. Gestern früh, noch vor neun Uhr, spaziert der neue Allianz-Chef durch die Münchener Olympiahalle. Aktionäre sind über eine Stunde vor Beginn der Hauptversammlung zwar noch nicht viele da. Dafür begrüßt Diekmann junge Allianz-Mitarbeiter an den Werbeständen, trinkt eine Tasse Kaffee, plaudert.

Der 48-Jährige gibt sich locker, gut gelaunt - wie so oft. Dabei tritt er heute einen harten Job an. Er muss den schlingernden Versicherungskonzern Allianz wieder flottmachen. Henning Schulte-Noelle, 60, seit fast zwölf Jahren an der Spitze hat ihm ein schweres Erbe hinterlassen: Die Allianz steckt in der Krise, schnelle Erholung ist nicht in Sicht, weltweit brennt es an mehreren Stellen. "Klar, es ist eine schwierige Aufgabe", räumt Diekmann ein.

Lange stehen die beiden Hauptdarsteller vor Beginn der Hauptversammlung auf dem Podium im Blitzlichtgewitter der Fotografen und schütteln sich die Hände, reden leise miteinander. Schulte-Noelle trägt einen dunkelblauen Anzug, Diekmann hat ein sportlich wirkendes Hellgrau gewählt. Äußerlich ähneln sich die beiden groß gewachsenen Männer. Manchmal wirkt Diekmann fast wie ein Abbild Schulte-Noelles, wenn auch nicht so steif. "Der richtige Mann im richtigen Alter zur richtigen Zeit", wird Schulte-Noelle später loben. Ein kurzes Lächeln huscht da über Diekmanns stets gut gebräuntes Gesicht.

Diekmann verspricht Aktionären, was sie hören wollen

Aber der Neue, erst der neunte Chef in der 113-jährigen Allianz-Geschichte, muss über fünf Stunden warten, bis er zum ersten Mal zu Wort kommt. Diekmann räuspert sich ein paar Mal und verspricht dann den Aktionären, was diese hören wollen: "Unser Hauptaugenmerk ist, den Konzern sehr schnell wieder profitabel zu machen." Der Neue versucht, Aufbruchstimmung zu erzeugen. Es müsse Schluss sein mit "falsch verstandenem Stolz" und "gesichtswahrendem ,Weiter so!?". Erste leise Kritik an seinem Vorgänger?

Die Erwartungen sind groß. "Ich rechne mit ersten Korrekturen in Jahresfrist. Es muss schnell wieder aufwärts gehen", sagte ein führender Manager der Konzern-Tochter Dresdner Bank. Diekmanns wichtigstes Kapital: Er ist im Konzern beliebt. Der Jurist und ausgewiesene Versicherungsfachmann kann voll auf die Hausmacht der Allianz-Mitarbeiter bauen. Und er hat bereits erste Akzente gesetzt: Er holte Herbert Walter von der Deutschen Bank, machte ihn zum Chef der Dresdner und setzte Bernd Fahrholz vor die Tür.

"Michael Diekmann war schon immer locker", meint Hans-Jörg Cramer. Der Vorstand der Allianz-Sachversicherung hatte Diekmann 1988 als Vorstandsassistent eingestellt. Das Vorstellungsgespräch hatte nicht lange gedauert, der junge Jurist überzeugte schon damals sofort. "Wir haben ihn gleich eingestellt", erinnert sich Cramer, Herr über 14 000 Allianz-Außendienstmitarbeiter. Von da an machte Diekmann zielstrebig Karriere, bis im vergangenen Dezember Schulte-Noelle völlig überraschend seinen Abgang erklärte.

Schulte-Noelle verbreitet Optimismus

Schulte-Noelle gibt sich vor den 7500 Aktionären routiniert wie immer und verbreitet Optimismus: "Die Weichen sind gestellt. Das Schlimmste dürfte hinter uns liegen." Doch der Abschied des langjährigen Vorzeigemanagers der Deutschland AG könnte bitterer kaum sein. Die Aktionäre überschütten ihn zum Abschied mit herber Kritik. "Die Allianz war die feinste Adresse Deutschlands. Jetzt ist sie entzaubert", schimpft Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Nach der Übernahme der Dresdner Bank habe der Vorstand viel zu lange mit der Sanierung gezögert und die Risiken falsch eingeschätzt. Auch deshalb sehen es die meisten Redner nicht gerne, dass Schulte-Noelle jetzt den Vorsitz des Aufsichtsrats übernehmen will. "Das ist das falsche Signal", kritisiert Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre. Man müsste ihn mit Schimpf und Schande davonjagen, meint ein Kleinaktionär. Schulte-Noelle und Daimler-Chef Jürgen Schrempp bildeten ein "Kartell der Kapitalvernichter".

Die Kritik trifft den Mann mit dem markanten Schmiss im Gesicht hart, auch wenn er sich nichts anmerken lässt. Denn der 24 Milliarden Euro teure Kauf der Dresdner Bank, die dem Konzern zuletzt die Ergebnisse so verhagelte, ist sein Projekt. Mit preußischem Pflichtbewusstsein hält er unbeirrt an seinem Kurs fest. Gestern rechtfertigt er noch einmal ausführlich die Entscheidung und bittet lediglich um Geduld: "Um die Potenziale voll zu erschließen, brauchen wir noch Zeit." Dann lässt er aber doch kurz Resignation erkennen, wenn er beklagt, "wie plötzlich der Wind drehen und einem voll ins Gesicht blasen kann".

Scheußliche Flecken in Bilanz des scheidenden Chefs

Kein Zweifel: Der Kauf der maroden Frankfurter Bank ist die folgenreichste Entscheidung Schulte-Noelles, und sie hinterlässt scheußliche Flecken auf der Bilanz des scheidenden Chefs. Tragisch, denn er baute die Allianz in seiner Amtszeit von einer "oberbayerischen Sterbekasse" zu einem internationalen Finanzkonzern aus. Schulte-Noelle kaufte den französischen Versicherer AGF, expandierte in Asien und Osteuropa. 1988 kam Schulte-Noelle in den Vorstand, bis zur Spitze des Börsenbooms 2000 verzehnfachte sich der Wert der Aktie, doch es folgte ein jäher Absturz. "Wehmut? - ja, schon ein bisschen nach 28 Jahren bei der Allianz", räumt Schulte-Noelle kurz vor Beginn der Hauptversammlung ein.

Noch während sich der Vorstand auf dem Aktionärstreffen den Fragen der Anteilseigner stellte, rückten in der Allianz-Zentrale an der Königinstraße schon die Handwerker an. Die Maler renovieren das Chefbüro in der vierten Etage mit Blick in den Englischen Garten und tilgen alle Spuren Schulte-Noelles. Noch am Abend sollen die Möbel Diekmanns kommen.

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