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27.03.2003

17:50 Uhr

Alliierte bauen Nordfront auf

Briten werfen Irak Vorbereitung von Giftgaseinsatz vor

Zu Beginn der zweiten Kriegswoche haben die US-Streitkräfte mit den Aufbau einer Nord-Front im Irak eingeleitet. Rund 1000 Fallschirmjäger landeten in der Nacht zum Donnerstag auf einem Flugfeld nahe der nordirakischen Stadt Erbil. Die Versorgungslage in der von britischen Truppen eingeschlossenen Millionenstadt Basra im Süden des Landes wird nach Angaben von Hilfsorganisationen immer dramatischer. Die britische Regierung sprach von "unwiderlegbaren" Beweisen, dass Iraker auf den Einsatz von Massenvernichtungswaffen vorbereitet seien.

HB/dpa BAGDAD/WASHINGTON/LONDON. Der US-Nachrichtensender CNN zeigte Bilder vom nächtlichen Absprung der Elite-Soldaten in kurdisch kontrolliertem Gebiet. Zuvor hatten alliierte Kampfflugzeuge Stellungen der irakischen Armee in der Nähe unter schweren Beschuss genommen. Die Fallschirmjäger von der 173. US-Luftlande-Brigade sicherten das Flugfeld. Dort sollen nach Angaben von US-Militärs in den nächsten Tagen Transportflugzeuge mit weiteren 5 000 bis 6 000 Soldaten und schwerem Kriegsgerät landen. Die Eröffnung einer Nord-Front hatte sich verzögert, weil die Türkei den ursprünglich geplanten Durchmarsch von mehr als 60 000 US- Soldaten in den Nordirak abgelehnt hatte.

Am Nachmittag griffen die Alliierten erneut die irakische Hauptstadt Bagdad an. Nach Augenzeugenberichten erschütterten - wie bereits am Morgen - heftige Explosionen die Fünf-Millionen-Metropole. Die Ziele sollen dabei auch im Stadtzentrum nahe dem Informationsministerium gelegen haben. Irakische Streitkräfte steckten am Stadtrand von Bagdad wieder mit Öl gefüllte Gräben in Brand. Die aufsteigenden schwarzen Rauchwolken sollen feindlichen Flugzeugen die Sicht nehmen.

Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon sagte in London, es gebe "umfangreiche Funde, die eindeutig bewiesen, dass irakische Truppen für den Einsatz" von Massenvernichtungswaffen vorbereitet seien. Militärs hatten am Dienstag den Fund von Chemieschutzanzügen und größeren Mengen des Medikaments Atropin in einem als Militärstützpunkt genutzten Krankenhaus in Nasirija gemeldet. Atropin wird als Gegenmittel gegen Nervengas eingesetzt.

Der ehemalige Chef des irakischen Atomwaffenprogramms, Khidhir Hamza, rechnet dagegen nicht mit einem Chemiewaffeneinsatz. Damit würde Saddam die letzten Freunde im Ausland verlieren, sagte der 1994 aus dem Irak geflohene Wissenschaftler der Zeitung "USA Today". Zudem fürchte das Regime, dass die USA dann mit aller Härte zurückschlagen würden.

Das US-Zentralkommando hält es für möglich, dass die irakische Armee am Mittwoch absichtlich eine Rakete in ein belebtes Wohngebiet in Bagdad abgefeuert hat. Offizielle irakische Stellen hatten hingegen von einem alliierten Angriff mit Raketen oder Bomben gesprochen. Dabei waren 15 Zivilisten getötet worden.

Die Amerikaner stellen sich inzwischen auf einen längeren Krieg ein. Als Anzeichen dafür wurde die Entsendung von zusätzlich 30 000 Soldaten in den Irak gewertet. Der Regierungssender Voice of America berichtete am Donnerstag, Soldaten der 4. Infanterie-Division sollten in den kommenden Tagen nach Kuwait geflogen werden.

Auf dem Marschweg nach Bagdad lieferten sich alliierte und irakische Truppen schwere Gefechte. Kreise des US- Verteidigungsministeriums wiesen aber Berichte über einen großen Gegenangriff irakischer Verbände im Süden Bagdads zurück. Es habe sich vermutlich um eine "Absetzbewegung in andere Stellungen" gehandelt. Bei Gefechten nahe der Stadt Nasirija sollen bis zu 30 US-Soldaten durch irrtümlichen Beschuss aus den eigenen Reihen verletzt worden sein, mehrere davon schwer.

Die Kämpfe um Basra dauerten an. Ein britischer Militärsprecher sagte, in der Stadt befänden sich reguläre und paramilitärische Einheiten. Die besonders regimetreuen Fedajin Saddam schüchterten die regulären Truppen ein und drängten sie zum Kampf.

Die irakische Armeeführung berichtete von einer Reihe militärischer Erfolge ihrer Einheiten. Vor allem kleinere Verbände der Republikanischen Garden, die Saddam besonders treu ergeben sind, hätten den Alliierten erhebliche Verluste zugefügt, sagte Militärsprecher Hazim el Rawi in Bagdad. Nach Angaben des irakischen Gesundheitsministers Omid Midhat Mubarak wurden in den ersten acht Tagen des Krieges 350 irakische Zivilisten getötet und 4000 verletzt.

Hilfslieferungen in die von alliierten Truppen eingenommene südirakische Stadt Umm Kasr verzögerten sich weiter. Nachdem Minen am Zugang zum Hafen gefunden worden sind, kann ein britisches Schiff mit 200 Tonnen Hilfsgütern voraussichtlich erst am Freitag einlaufen. Zum ersten Mal wurden nach britischen Angaben dressierte Delfine von der Marine zum Aufspüren von Minen eingesetzt wurden.

US-Präsident George W. Bush und der britische Premierminister Tony Blair bekräftigten nach einem "Kriegsgipfel" in Camp David ihre Entschlossenheit, das Saddam-Regime zu stürzen - egal wie lange es dauern werde. Am Abend wollte Blair in New York mit UN - Generalsekretär Kofi Annan sprechen.

Im Westjordanland und im Gazastreifen riefen tausende Palästinenser zur Solidarität mit dem irakischen Volk auf.

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