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04.02.2003

08:34 Uhr

Als Geschäftsmann hat Kasparow weniger Glück

Champion unter Zugzwang

VonStefan Löffler (Wien)

Zurzeit spielt Kasparow gegen den Computer "Deep Junior". Nach vier Partien steht es unentschieden. Die Programmierer des virtuellen Gegners sind Angestellte von Kasparows ehemaliger Internet-Firma - die versenkte dreizehn Millionen Dollar. Nun prozessiert ein Geldgeber.

Es klingt paradox. Dass Garri Kasparow seinen Weltmeistertitel verloren hat, hat seinem Marktwert nicht geschadet. Im Gegenteil. Seine Startgelder und Honorare liegen höher denn je - jedenfalls nach Angaben seines Agenten Owen Williams. Der 39jährige Kasparow ist der einzige, der am Brett beständig über eine Million Euro im Jahr verdient. Dazu kommen Honorare für Fernsehspots wie im Vorjahr, als er in den USA für Pepsi-Cola und in Deutschland für Volkswagen-Audi warb.

"Kasparow ist der einzige große Name in diesem Spiel. Garri ist ein Medienereignis. Wo er auftritt, ist Aufmerksamkeit garantiert", setzt Williams, ein ehemaliger Tennisprofi, zu einer Erklärung an. "Wenn wie im Schach Verwirrung herrscht, wen man als Weltmeister ansehen soll, halten sich die Leute an die Nummer eins."

Die Weltrangliste führt Kasparow weiterhin mit deutlichem Vorsprung an. Wladimir Kramnik, der ihn im November 2000 in einem inoffiziellen Titelkampf geschlagen hat, und Ruslan Ponomarjow, den Champion des offiziellen Weltverbands Fide, kenne außerhalb der Fachszene kaum jemand. Williams vermutet sogar, dass Anatoli Karpow, der seinerseits 1985 von Kasparow abgelöst wurde, bekannter sei als Kramnik und Ponomarjow zusammen.

Selbst der Weltverband, mit dem Kasparow vor zehn Jahren brach, um die WM-Kämpfe auf eigene Faust zu vermarkten, sieht das mittlerweile so. Der Fide-Präsident Kirsan Iljumschinow sponsert einen Schaukampf Mensch- Maschine, der derzeit im New Yorker Athletic Club ausgetragen wird. Zunächst war Ponomarjow gefragt worden. 30 000 Dollar Startgeld und 50 000 Dollar Siegprämie waren dem ukrainischen Fide-Weltmeister zu wenig. Kasparow erhielt ein besseres Angebot: 700 000 Dollar fest und 100 000 Dollar zusätzlich, falls er das Match gewinnt.

Nach vier von sechs Partien ist beim Stand von 2:2 alles offen. Kasparow ging das ungleiche Duell an, als säße ihm ein Mensch gegenüber. Er suchte das Maximum aus der Eröffnung zu holen und seinen Vorteil dann durch präzise Züge zu verwerten. In der ersten Partie ging das Konzept auf, in der zweiten hätte Kasparow die Führung fast ausgebaut, doch nach einem ungeduldigen Manöver rettete sich Junior in ein Unentschieden. Die dritte Partie verlor der Russe und wechselte für die vierte Partie seinen Ansatz. Der Weltranglistendritte Viswanathan Anand, der die Züge im Internet verfolgte, lobte das weitere Vorgehen des Computers: "Ich hätte nicht besser spielen können." Kasparow bewies jedoch Zähigkeit und hielt ein Remis.

Das Match genießt nicht den selben Stellenwert wie das im Mai 1997, als er Deep Blue 2,5:3,5 unterlegen ist. Die enorme Publicity, die IBM damals erzielte, schmerzte Kasparow. Nicht nur am Brett, sondern auch mit der Gage von 400 000 Dollar hatte er sich unter Wert verkauft. Am Ende fiel er damals aus der Rolle. Öffentlich warf er dem Computerteam Manipulationen und Unfairness vor. IBM zog sich vom Schach zurück statt, wie von Kasparow erhofft, dessen Internetprojekt zu unterstützen. Der Russe brauchte nochmals zwei Jahre, bis er in Israel Geldgeber für seine ehrgeizigen Pläne fand.

Doch "Kasparov Chess Online" erfüllte nicht seine Hoffnungen. Rasch zeigte sich, dass die Schach-Website mit Werbung und Sponsoring nicht zu finanzieren war. "Von Beginn an gab es strategische Differenzen, weil die Firma viel zu viel Geld ausgab", sagt Williams. Als die rund 60 Mitarbeiter die Anfangsinvestition von zehn Millionen Dollar ausgegeben hatten, habe Kasparow vergeblich auf Schließung gedrängt.Weitere drei Millionen seien verpulvert worden, bevor die zuletzt in Tel Aviv ansässige Firma im Oktober dichtgemacht wurde.

Einer der Geldgeber, die First Israel Bank International, klagt mittlerweile gegen Kasparow, dessen Mutter, seinen Agenten Williams und den Schweizer Bankier William Wirth. Die aus Kasparows Sicht für die Pleite verantwortlichen Geschäftsführer in Israel bleiben bislang ungeschoren. "Wenn wir die Klage überstanden haben, wird noch schmutzige Wäsche an die Öffentlichkeit kommen", kündigt Williams mit drohenden Unterton an. Die Klage war auch der Grund dafür, dass das Duell gegen "Junior" komplett in den USA ausgetragen wird. Ursprünglich sollten die ersten beiden Partien in Israel steigen. Doch dann wollte Kasparow aus Angst vor möglichen juristischen Nachteilen nicht in Israel einreisen. So sitzen ihm nun in New York die Programmierer von Junior, Shay Bushinsky und Amir Ban, abwechselnd gegenüber, um die Züge des Rechners auszuführen. Beide haben bei "Kasparov Chess Online" als verantwortliche Techniker gut verdient. Der Champ hingegen hat nach eigener Aussage 110 000 Dollar verloren.

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