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11.02.2003

08:20 Uhr

Alternative zu illegalen Musikbörsen

Musikindustrie nimmt neuen Online-Anlauf

VonAxel Postinett

Die deutsche Musikindustrie will bis Jahresmitte ihre gemeinsame Download-Plattform starten. Damit würde Deutschland die USA überholen, wo sich verfeindete Online-Angebote gegenseitig lahm legen.

DÜSSELDORF. Bis Jahresmitte soll endlich die immer wieder verschobene Onlineplattform der deutschen Musikindustrie an den Start gehen. Gerd Gebhardt, der Vorsitzende der deutschen Phonoverbände, ist optimistisch, dass es diesmal klappen wird. "Die Musikindustrie hat begriffen, dass es ein Alternativangebot zu illegalen Musikbörsen geben muss", sagt er in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Auf jeden Fall werde man noch dieses Jahr mit allen relevanten Marktteilnehmern starten.

Victor Antippas, Executive Vice President beim Marktführer Universal Music, sagte auf Anfrage: "Es ist soweit alles in trockenen Tüchern. Ich hoffe sogar, es dauert kein halbes Jahr mehr." Martin Schaefer, Rechtsexperte bei der deutschen BMG Music und unmittelbar an den Gesprächen beteiligt: "Wir sind dafür. Ich hoffe, in zwei Wochen sind die Weichen gestellt." Noch, so Schaefer, werde intensiv mit Providern - unter anderem der Deutschen Telekom AG - verhandelt, die die technische Infrastruktur bereitstellen sollen.

Business-to-Business-Plattform

Laut Gebhardt wird es sich zunächst um eine Business-to-Business-Plattform handeln. Dabei wird Händlern oder Onlinediensten ein komplett vorgefertigtes Web-Musik-Portal angeboten, das - mit eigenem Logo versehen - in Onlineangebote integriert oder auf Download-Terminals in Geschäften zum Einsatz kommen kann.

Hinter dem Portal steht die Phononet GmbH, die sechzehn Branchenunternehmen von Universal bis Edel Music gehört. Phononet wickelt derzeit für rund 120 Tonträgerunternehmen und 500 Handelsunternehmen knapp 18 Mill. Bestellungen pro Jahr ab und betreibt das Portal www.musicline.de, eine Suchmaschine mit im Schnitt 4,5 Mill. Seitenaufrufen pro Monat, die problemlos zu einer Download-Seite umgebaut werden könnte.

Das Phononet-Portal soll sich deutlich von den erfolglosen US-amerikanischen Ansätzen wie Pressplay (Sony, Universal) oder Musicnet (AOL Time Warner, EMI, Bertelsmann) unterscheiden. Bei diesen treten die Unternehmen als Lizenzverkäufer der Musikkataloge ihrer jeweiligen Eigentümer auf. Zumindest theoretisch. Praktisch sieht es so aus, dass Musicnet und Pressplay es noch nicht einmal geschafft haben, sich gegenseitig ihre Musikangebote zur Weitervermarktung zur Verfügung zu stellen. Zu groß sind Berührungsängste und gegenseitiges Misstrauen.

Komplettes Angebot aus einer Hand

Dieses Problem soll das Phononet-Portal geschickt umgehen, indem es das komplette Angebot aller Musikunternehmen gegenüber dem Kunden aus einer Hand präsentiert. In der Abrechnung und Auftragsabwicklung hingegen läuft aber alles weiter völlig getrennt. Schaefer: "Kein Unternehmen kann Daten eines anderen einsehen." Und niemand muss niemandem irgend etwas lizenzieren. Jedes Unternehmen bleibt Herr seines Repertoires und kann über Marketing, Konditionen und Preise selber bestimmen. Diese Konstruktion, davon geht Schaefer aus, werde auch das Kartellamt überzeugen. Schließlich funktioniere das im stationären Handel bereits seit Jahren anstandslos.

Sowohl Schaefer als auch Gebhardt betonten, dass auch der stationäre Handel mit einbezogen werden solle. Es habe sich längst gezeigt, dass das Internet nicht, wie zunächst gedacht, alles ersetzen werde. Der Online-Musikvertrieb werde nüchtern als zusätzlicher Vertriebskanal betrachtet. Nicht mehr und nicht weniger.

Im vergangenen Jahr startete mit der Saturn-Mediamarkt-Gruppe der erste große Handelskonzern einen eigenen Online-Musikverkauf (hotvision.de). Aktuelle Zahlen über Erfolg oder Misserfolg des ehrgeizigen Projekts waren von Mediamarkt bis Redaktionsschluss leider nicht erhältlich. Das Phononet-Portal würde in direkte Konkurrenz zu dem Mediamarkt-Angebot treten.

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