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02.04.2003

06:39 Uhr

Altria wird noch von vielen Seiten Hilfe bekommen

Absturz und Rally liegen eng beieinander

VonUlf Sommer

Der Tabak- und Nahrungsmittelkonzern Altria scheint mit seiner Erklärung „Light steht für leichten Geschmack“ allein dazustehen und könnte deshalb auf Schadensersatz in Höhe von 10,1 Milliarden Dollar sitzen bleiben.

DÜSSELDORF. Was verstehen Sie unter "Marlboro Lights"? Wenn Sie an Zigaretten mit weniger Nikotin und Schadstoffen denken, liegen Sie auf Linie der Geschworenen im Raucherprozess. Der Tabak- und Nahrungsmittelkonzern Altria scheint mit seiner Erklärung "Light steht für leichten Geschmack" allein dazustehen und könnte deshalb auf Schadensersatz in Höhe von 10,1 Mrd. $ sitzen bleiben. Deshalb ist die Aktie trotz des Kurssturzes kein Schnäppchen, auch wenn klassische Kennzahlen wie Dividendenrendite, Cash-Flow und Kurs-Gewinn- Verhältnis darauf hindeuten.

Auf dem Höhepunkt des Börsenbooms war der Kurs von Philip Morris, wie Altria einst hieß, schon einmal abgestürzt. Anfang 2000 verunsicherten spektakuläre Raucher-Urteile in zweistelliger Milliardenhöhe den Konzern. Wer damals den Richtern wenig und Philip Morris viel Vertrauen schenkte, wurde neben einer Dividendenrendite von 10 % belohnt: Binnen zwei Jahren verdreifachte sich der Aktienwert.

Grund dafür war, dass kein Urteil in den Revisionen Bestand hatte. Philip Morris zahlte mit Ausnahme der Ausgleichszahlungen der Tabakindustrie an die amerikanischen Bundesstaaten fast keinen Cent. Bald gehörte es zum Alltag, dass die Aktionäre neue Urteile kaum noch zur Kenntnis nahmen. So beispielsweise die Entscheidung, dass eine Raucherin 28 Mrd. $ bekommen sollte. In Los Angeles revidierte ein Gericht das Urteil auf 28 Mill. $. Viel sprach dafür, dass die Geschworenen im ersten Prozess Milliarden und Millionen verwechselt hatten.

Doch mit dieser Herrlichkeit ist es für Aktionäre vorbei. Jetzt geht es nicht um (Ketten-)Raucher, die sich wundern, krank zu werden, und dafür die Hersteller verantwortlich machen. Altrias Argumentation, mit der Aufschrift "Lights" sich nicht auf Schadstoffe bezogen zu haben, widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Dass Richter in der Revision der Konzernstrategie folgen, ist fraglich. Deshalb muss sich Altria diesmal auf "echte" Urteile einstellen. Die Aufforderung, schon jetzt 12 Mrd. $ als Bürgschaft zu hinterlegen, um in Berufung gehen zu dürfen, ist ein Vorgeschmack auf rauere Zeiten.

Da hilft es wenig, dass Altria günstig bewertet ist. Eine Dividendenrendite von 9 % ist im Dow ebenso unübertroffen wie ein Kurs- Gewinn-Verhältnis von sechs und einem freien Cash-Flow von 4 Mrd. $. Berücksichtigt man, dass Erträge und Dividenden kontinuierlich steigen, gibt es solch günstige Kennzahlen nicht einmal an den preiswerteren europäischen Börsen.

Wer darauf spekuliert, dass sich der Aktienkurs erholt, riskiert viel. Die Wette geht auf, wenn die Strafe drastisch reduziert wird. Gleichzeitig dürfen nachfolgende Sammelklagen keinen Erfolg haben. Die Wette geht auch auf, wenn die US-Bundesstaaten, die die regelmäßigen Zahlungen der Tabakindustrie fest im Budget einkalkulieren, Altria zur Seite stehen, indem sie vor Gericht eine geringere Kaution fordern. Denn nur dann wird der "Goldesel" in Zukunft neben Schadstoffen auch noch Geld ausspucken.

Daran sind neben den Anlegern und Bundesstaaten auch der Fiskus mit seinen Steuereinnahmen und damit der Präsident interessiert. So eine Lobby lassen die eigentlich geringen Chancen gleich in einem viel größeren Licht erscheinen.

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