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23.01.2003

07:31 Uhr

Am Super Sunday stehen die USA im Zeichen des Football-Endspiels

Ein Volk lässt die Muskeln spielen

VonPeter Brors

Rund 150 Millionen Amerikaner sollen am Sonntag wieder vor dem Fernseher sitzen. Befallen vom Super-Bowl-Fieber und ausgestattet mit reichlich Erdnüssen. Wenn sich Sport, Wirtschaft und Karneval einmal im Jahr verbrüdern, steht eine ganze Nation Kopf. Und das alles nur wegen eines Football-Spiels.

DÜSSELDORF. Titelverteidiger New England Patriots? Raus schon in der Vorrunde. Der letztjährige Endspielgegner St. Louis Rams? Ebenfalls früh gescheitert. Geheimfavorit Indianapolis Colts? 0:41 gegen die New York Jets in der ersten Runde der Play-offs. Und die ebenfalls hoch gewetteten Green Bay Packers? Sie verloren erstmals in ihrer langen Klubgeschichte ein K.o.-Runden-Heimspiel, 7:27 gegen die Atlanta Falcons. Kurzum: Wenn am Sonntag im kalifornischen San Diego das Endspiel im American Football angepfiffen wird, es in der Super Bowl Nummer 37 Oakland Raiders gegen Tampa Bay Buccaneers heißt, dann erreicht "die irrste Saison aller Zeiten" (Associated Press) ihren finalen Höhepunkt.

Zigmal schon mussten die Buchmacher in Las Vegas binnen weniger Wochen ihre Quoten für den neuen Champion ändern, weil sich die jeweiligen Favoriten Spieltag für Spieltag vorzeitig verabschiedeten. Die Tageszeitung "USA Today" titelte "unpredictable", unvorhersehbar. Und Al Michaels, Chef-Football-Analyst beim das Finale übertragenden TV-Sender ABC, jammerte: "Wenn ich noch einmal mit meinem Tipp daneben liege, verliere ich meinen guten Ruf als Experte. Also halte ich jetzt lieber meine Klappe."

Die Unvorhersehbarkeit der Ergebnisse in der National Football League (NFL) ist kein Zufall. Sie geht im Wesentlichen auf eine radikale Änderung des Gehaltssystems zurück. Konnten sich früher die reichsten unter den reichen Teambesitzern Motivation und Zuneigung ihrer behelmten Angestellten mit grenzenlosen Gehaltszahlungen erkaufen, beschloss die Liga 1993 die Einführung einer so genannten "salary cap". Sie begrenzt die Ausgaben für Spielergehälter eines jeden Teams, unabhängig von den tatsächlichen finanziellen Möglichkeiten ihrer Eigentümer. Oder anders ausgedrückt: In dieser Saison durfte jeder Teambesitzer seinen 53 Hauptdarstellern insgesamt 71,4 Mill. Dollar überweisen und keinen Cent mehr. Sämtliche Verträge müssen der Liga vorgelegt werden, die Zahlung von Handgeldern ist verboten und wird mit empfindlichen Strafen belegt, sobald derart unmoralische Vorgänge offenkundig werden.

Vorbei sind damit die Zeiten, als Teams wie die San Francisco 49ers oder die Dallas Cowboys die Liga beherrschten, weil ihre milliardenschweren Besitzer das meiste Geld spendierten. David Hill, Sportchef des TV-Senders Fox, der sich im vergangenen Jahr für mehr als 100 Millionen Dollar das Übertragungsrecht am Finale gesichert hatte, urteilt begeistert: "Die Einführung der ,salary cap? war der beste Schachzug, den die NFL je gemacht hat. Das steigerte das Interesse enorm, weil jetzt endlich jeder jeden schlagen kann."

Tatsächlich: Seit Einführung des neuen Gehaltssystems vor neun Jahren haben es 30 von 32 Mannschaften mindestens einmal in die Play-off-Runde geschafft, alle außer den Cincinnati Bengals und den erst seit dem vergangenen Sommer mitspielenden Houston Texans. In dieser Saison konnten sich wenige Spieltage vor dem Ende der Vorrunde noch 28 der 32 Teams Hoffnungen auf den Einzug in die Play-offs machen. Ins Finale schlugen sich schließlich die Piraten aus Tampa durch, zum erstenmal überhaupt. Und die - man mag es kaum schreiben: nun leicht favorisierten - Räuber aus Oakland sind am Super Sunday erstmals seit 1984 nicht schon in den Ferien.

Die Fans in fast allen Städten honorieren die neue Ausgeglichenheit der Liga, in der es keinen Auf- oder Abstieg gibt, mit einer steigenden Lust auf Football. Und so übertrifft die neueste Ausgabe der Super Bowl wieder jede Vorläuferin: Rauschendere Feste, attraktivere Stars (Carlos Santana, John Bon Jovi und Celine Dion) vor und nach dem Spiel, unendliches Bohei vor und hinter den Kulissen. Nach vorsichtigen Schätzungen machen sich die tollen Tage für die Gastgeberstadt am Pazifik mit Mehreinnahmen von 200 Millionen Dollar bemerkbar: Hoteliers, Wirte und Schwarzmarkthändler profitieren. Dort sind die günstigsten Tickets kaum unter 1 000 Dollar zu haben. Sport, Wirtschaft und Karneval verbrüdern sich so zu einer wahrlich sonnigen Woche.

Parallel dazu schnellen auch die TV-Einschaltquoten kontinuierlich nach oben. Und das veranlasst die Fernsehsender mal wieder, ordentlich die Muskeln spielen zu lassen - bei den Werbepreisen. Bei der Super Bowl etwa wird ein 30-Sekunden-Spot mehr als zwei Millionen Dollar kosten - der höchste jemals für TV-Werbung verlangte Preis weltweit.

Und doch stehen die Interessenten - zwar kaum mehr Firmen aus der so genannten New Economy, die vor zwei Jahren fast ein Drittel aller möglichen Spots buchten - immer noch Schlange. Die Liga kann es sich sogar erlauben, eine Diskussion darüber zu führen, ob die Tourismuszentrale von Las Vegas, wo die Wettumsätze rund um "The Big One" jedes Jahr mehr als 100 Millionen Dollar erreichen, einen Spot während des Finals schalten darf. Begründung: "Wir wollen nicht, dass unser Spiel in die Nähe von Zockern gerückt wird."

Soviel Chuzpe können sich nur Sportfunktionäre leisten, die wissen, dass sie inzwischen ein Produkt vermarkten, das nicht nur einmalig ist, sondern auf das ein ganzes Volk nicht mehr verzichten kann. 150 Millionen sind allein in den USA während des Endspiels vorm Fernseher dabei. Die Nation macht gemeinsam Pause, entspannt und erregt sich im Gleichtakt.

So ist aus dem Super Sunday der wichtigste inoffizielle Nationalfeiertag des Landes geworden, den das begeisterte Volk kollektiv und dabei Erdnüsse futternd vor der Mattscheibe verbringt - what a game.

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