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09.01.2002

10:03 Uhr

Amerikaner trainiert jede Nacht

Mit 71 Jahren auf den Mt. Everest

"Ich bin ein verrückter alter Mann", das gibt der 71-jährige Al Hanna aus Chicago sofort zu. Jede Nacht ist der Amerikaner mit einem 30 Kilo schweren Rucksack in einem Stadtpark von Chicago unterwegs. Zwischen zwei und fünf Uhr früh "besteigt" er einen kleinen Hügel, 45 bis 50 Mal hintereinander, rund 12 000 Schritte pro Nacht.

dpa CHICAGO. Seit einem Jahr trainiert der rüstige Geschäftsmann so für die Besteigung des höchsten Gipfels der Welt. Ende Mai will er als ältester Mensch den Mt. Everest bezwingen und damit den bisherigen Rekordhalter, einen 64-jährigen Amerikaner, übertrumpfen.

Der "verrückte" Kraxler kann eine beachtliche Gipfel-Liste vorweisen. In den letzten zehn Jahren hat er bereits die höchsten Berge auf sechs Kontinenten bestiegen. In seiner Sammlung der "Seven Summits" fehlt nur noch der 8848 Meter hohe Everest. Drei Mal hat er dieses Ziel bereits in Angriff genommen, zuletzt im Frühjahr 2000, als er den 8750 Meter hohen Südgipfel erreichte. Nur hundert Höhen- Meter vor dem Ziel habe er den Mut und die nötige Konzentration verloren, bekennt Hanna. Ende Mai, kurz vor seinem 72. Geburtstag (am 13. Juli) wird der Hobby-Bergsteiger es erneut versuchen.

Vernon Tejas, ein Everest-Bergführer aus Alaska, hat volles Vertrauen in seinen ungewöhnlichen Kunden. Er kenne niemanden, der so hart trainiere wie Hanna. Tagsüber sind es Hunderte von Sit-Ups und Liegestützen, dazu Treppensteigen und Gewichte heben, doch das richtige Training findet nachts statt. "Alte Leute schlafen eh nicht gut", meint Hanna. Nach vier Stunden Schlaf steht er um ein Uhr früh auf, "besteigt" drei Stunden lang den Stadthügel und legt sich noch einmal kurz hin, bevor er um neun Uhr zur Arbeit geht, berichtet Hanna. Er ist Vorsitzender einer erfolgreichen Hypotheken-Bank und damit in der glücklichen Lage, sich die 65 000 $ (72 000 Euro) teure Everest-Expedition zum vierten Mal zu gönnen.

Die Ehefrau und seine drei erwachsenen Kinder stünden voll hinter ihm. "Allerdings nimmt meine Frau mich nicht mehr in die Oper mit, weil ich dort sofort einschlafe", beschwert sich der nachtaktive Bergsteiger. Erst mit 58 Jahren begann Hanna sein Höhen-Hobby. Nach einem Grundkurs im Bergsteigen bezwang der Geschäftsmann als ersten den Mt. McKinley, den höchsten Berg in Alaska. Es folgten 20 Expeditionen zu den bekanntesten Gipfeln der Welt. Die Höhe vertrage er ausgezeichnet, meint Hanna mit Blick auf sein Alter. "Ich bin allerdings langsamer als die jungen Bergsteiger, aber dafür auch viel geduldiger und entschlossen, mein Ziel zu erreichen."

Bei Liebespaaren, Obdachlosen und Polizisten, denen er auf seinen nächtlichen Touren im Lincoln-Park begegnet, ist der Rucksack- Sportler längst bekannt. Nur Neulinge wundern sich über den Anblick des leichgewichtigen, 1,62 Meter großen Nachtwanderers, der nach jeder Everest-Expedition nur noch 54 Kilo wiegt. Der vierte Gipfelsturm sei der letzte Versuch, meint Hanna. Er würde sein Ziel - als ältester Mensch auf dem Gipfel der Welt zu stehen - nicht leicht aufgeben. Doch in seinem Alter gebe es auch andere Dinge zu tun. "Ich freue mich auf ein normales Leben mit Reisen, Arbeit, Entspannung und viel Schlaf." Doch bis dahin zählt er noch viele Schritte. Jede Nacht 12 000, damit er für die rund 200 000 Schritte vom Basislager bis zum Gipfel gut gerüstet ist.

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