Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.03.2003

10:26 Uhr

Amerikaner wollen Vernichtungs-Feldzug vermeiden

USA setzen auf Bilder von klinisch reinem Krieg

VonMichael Backfisch

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld reagierte gereizt: "Unsere Waffen verfügen über eine Zielgenauigkeit, von der die Militärs früher nur geträumt hatten." Ein Journalist hatte zuvor die Bilder von den Angriffen auf Bagdad mit den massiven Bombardements des Zweiten Weltkrieges verglichen.

WASHINGTON. "Im Gegensatz zu heute waren die damaligen Waffen dumme Geschosse, die sich auf ein großes Gebiet verteilt haben", bügelte Rumsfeld den Einwand ab.

"Präzision" lautet das Zauberwort der US-Militärstrategen. Seit Tagen flimmern Aufnahmen über die Fernsehschirme, die riesige Feuerbälle und dunkle Rauchschwaden über zerstörten Gebäuden zeigen. Flüchtlinge, Verwundete oder Tote kommen darin nicht vor. Nach Angaben des Pentagons verfolgt die US-Luftwaffe das Ziel, systematisch das Nervensystem des irakischen Regimes auszuschalten: Ministerien, die Präsidenten-Paläste von Saddam Hussein sowie die militärische Kommandostruktur. Nicht zuletzt deshalb hatte US-Präsident George W. Bush den Kriegsbeginn, der ursprünglich für Freitag um 13 Uhr amerikanischer Ostküsten-Zeit geplant war, vorverlegt: Als ihn der CIA-Chef kurzfristig über den Aufenthaltsort hochrangiger Mitglieder der irakischen Regierung in Bagdad informierte, erteilte Bush bereits am Mittwochabend den Einsatzbefehl für Bomber und Marschflugkörper.

Überrascht wurde die irakische Führung ebenfalls von den schnellen Vorstößen der amerikanischen und britischen Truppen, die allerdings inzwischen auch auf heftigen Widerstand treffen. Bagdad hatte wie die meisten Militärexperten eine ganz andere Strategie erwartet. Dass die amerikanischen Bodentruppen in den Irak einmarschieren könnten, noch bevor das irakische Militär mit intensiven Bombenangriffen "mürbe" gemacht wurde, hatte kaum jemand gedacht. Der Militärexperte Robert Killebrew staunte: "Das ist entweder eine äußerst riskante oder eine äußerst brillante Strategie." Nur wenige Stunden nach Beginn der Bodenoffensive begann dann die massive Bombardierung Bagdads.

Krieg an der Psycho-Front

Parallel zu den gezielten Luftschlägen vor allem gegen die Symbole des Regimes führt das Pentagon Krieg an der Psycho-Front. Kaum ein Tag vergeht, an dem Verteidigungsminister Rumsfeld nicht von Auflösungserscheinungen des irakischen Militärs redet: "Ich denke, die Offiziere erkennen langsam, dass Saddams Herrschaft Geschichte ist." Gar nicht ins Konzept passten Rumsfeld die Bilder von getöteten und gefangenen US-Soldaten, die das irakische Fernsehen und der arabische Sender El Dschasira gestern zeigte. Die Ausstrahlung, so der Pentagon-Chef, verstoße gegen die Genfer Konvention.

Die Präzisions-Taktik der Amerikaner hat aber noch andere Gründe: "Je weniger die USA zerstören, desto geringer sind die Kosten für den Wiederaufbau", sagt der ehemalige US-Botschafter in Israel, Martin Indyk. Darüber hinaus versucht die Regierung in Washington alles, um den Angriff nicht als Vernichtungsfeldzug zwischen Supermacht und Drittwelt-Land erscheinen zu lassen. "Hohe Kollateralschäden und viele zivile Opfer im Irak wären die größte Propagandawaffe für Saddam", betont Kenneth Pollack, CIA - Analyst unter Präsident Bill Clinton. "Damit könnte der Irak den internationalen Druck gegen Washington verstärken."

Ob die US-Strategie vom klinisch reinen Krieg auf Dauer aufgeht, muss jedoch bezweifelt werden. Nach Angaben der ARD wurden gestern bei einem Raketeneinschlag in Bagdad fünf Häuser in einem Wohngebiet zerstört. Zwei Menschen seien verletzt worden, hieß es.

Fortschritt der US-Militärtechnologie ?

Der generelle Fortschritt der US-Militärtechnologie ist unter Experten indes unbestritten. Heute sind mehr als 80 Prozent der amerikanischen Waffen satelliten- oder lasergesteuert, im Golfkrieg 1991 waren es weniger als zehn Prozent. "Die gegenwärtig eingesetzten Bomben und Raketen treffen ihre Ziele mit einer Abweichung von höchstens ein paar Metern", unterstreicht Gebhard Schweigler vom National War College in Washington, einer Elite-Universität für zukünftige Generäle. Vor allem die Satelliten- Technik, die erst nach dem letzten Golfkrieg entwickelt wurde, ermöglicht eine bislang nicht erreichte Präzision.

Bei der Vernichtung von biologischen oder chemischen Waffen ist das High-Tech-Arsenal jedoch nur von begrenztem Wert. "Das Problem besteht darin, dass Saddam das Material höchstwahrscheinlich unter Krankenhäusern, Schulen und Moscheen gelagert hat", sagt ein hochrangiger Beamter im Pentagon. "Die Zerstörung kann nur gelingen, wenn Spezialeinheiten den Eingang und Ausgang dieser unterirdischen Stätten kontrollieren."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×