Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.05.2003

17:20 Uhr

An der SARS-Front in Peking

Ungleicher Kampf gegen übermächtiges Virus

"Wir haben bei der Arbeit das Gefühl, als wenn wir ersticken", sagt Wang Xue. Die Krankenschwester trägt mehrere Gesichtsmasken und drei Schichten Schutzkleidung übereinander. In den Zimmern hängt ein beißender Geruch von Desinfektionsmitteln. "Manchmal ist es wirklich schwer zu atmen."

Viren - klein, aber gefährlich, Grafik: dpa

Viren - klein, aber gefährlich, Grafik: dpa

HB/dpa PEKING. Viele Schwestern sind ganz heiser vom lauten Rufen. Denn mehrere Türen trennen die provisorische Quarantäne-Station mit den SARS-Patienten des Jishuitan-Krankenhauses in Peking von der Außenwelt. Elektrische Kommunikationsanlagen sind noch nicht installiert.

"Wenn ein Patient etwas Wasser braucht, müssen wir rufen, um denen außerhalb des Quarantänebereichs Bescheid zu sagen", sagt Wang Xue, die erst vor einem Jahr ihre Schwesternschule abgeschlossen hatte. "Wir stehen unter sehr großem Druck." Manche arbeiten ohne Pause die Nächte durch. "Als wir anfingen, haben wir 30 Stunden durchgearbeitet", erzählt Zhang Yi, eine andere Schwester, Reportern der Nachrichtenagentur Xinhua. Denn die staatliche Propaganda feiert die Schwestern und Ärzte als Helden im Kampf gegen das Schwere Akute Atemwegssyndrom (SARS). Doch ist es ein ungleicher Kampf, da das lebensgefährliche Virus übermächtig erscheint.

Unter den 1636 SARS-Fällen allein in Peking sind schon 300 Mitglieder des medizinischen Personals. Täglich kommen in der Hauptstadt etwa hundert neue Patienten und noch mehr Verdachtsfälle hinzu. Es fehlt an Betten, um alle SARS-Verdächtigen rechtzeitig im Krankenhaus zu isolieren. Und es fehlt an qualifiziertem Personal. Chinas Hauptstadt hat nicht einmal ein Krankenhaus, das auf Atemwegserkrankungen spezialisiert ist. Diplomaten meinten, jetzt räche sich, dass trotz des starken wirtschaftlichen Aufschwungs in China in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht genug in das Gesundheitswesen investiert worden sei.

Mit einer Offenheit, die andere Funktionäre missen lassen, gesteht der als Krisenmanager neu eingesetzte Bürgermeister Wang Qishan: "Wir sind schlecht vorbereitet, was die Fähigkeiten der Ärzte und Pflegekräfte sowie die Ausrüstung und Einrichtungen angeht." Peking habe zwar 32 000 Ärzte und 34 000 ausgebildete Krankenpfleger, doch davon seien weniger als 3000 auf Atemwegserkrankungen spezialisiert. Eilig entsandte die Volksbefreiungsarmee 1200 Ärzte und medizinische Pflegekräfte, um ein neu aufgebautes Krankenlager nördlich von Peking zu betreiben. Der Bürgermeister will - wenn möglich - mehr Hilfe aus anderen Provinzen mobilisieren.

Es fehlen zudem einfache Hilfsmittel wie Gesichtsmasken, Handschuhe und Schutzkleidung. Benötigt werden ferner Belüftungsanlagen, Krankenwagen, Beatmungsanlagen oder auch mobile Röntgengeräte. Denn oft müssten ansteckende Patienten für ein Bild von ihrer Lunge durch das ganze Krankenhaus bis zur Röntgenabteilung transportiert werden. "Das ist sehr gefährlich, weil es die Infektion im Krankenhaus verbreitet", schildert Wang Qishan nur eines der nicht enden wollenden Probleme der Krankheit, deren Höhepunkt noch nicht mal erreicht ist.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×