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28.01.2005

19:55 Uhr

Analyse aus Davos

Die Bubble-Bubble

VonHermann-Josef Knipper

Es ist an der Zeit, das angelsächsische Wort "Bubble" einzudeutschen, das in diesen Tagen beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos zu den am häufigsten zitierten gehörte. Grund: Weit über die Finanzindustrie hinaus wächst global die Sorge über neue "Bubbles", die das Wachstum der Weltwirtschaft empfindlich bedrohen könnten.

DAVOS. Wir übersetzen "Bubble" bisher unzureichend mit "Blase", aber das aus den USA importierte "Bubble-Gum" nennen wir ja auch nicht "Blasengummi", sondern viel treffender "Kaugummi". Eine vernünftige Übersetzung für "Bubble" im Sinne der Blase, die vor fast fünf Jahren die Aktienmärkte der Welt erschütterte, gibt es bisher nicht. Also bitte: Bleiben wir bei "Bubble", fortan ohne Anführungsstriche.

Was ist eine Bubble? Allein darüber haben Professoren und Investoren, Noten- und Investmentbanker, Unternehmer und Manager in Davos lange philosophiert. Eine Bubble ist demnach eine Art Versagen des Marktes - Angebot und Nachfrage entwickeln sich mit zunehmendem Tempo auseinander. Eine rationale, auf fundamentalen Erkenntnissen basierende Preisbildung findet nicht mehr statt. Und der Bauch übernimmt vom Kopf das Kommando, die Emotionen siegen über den Verstand.

Genau wie damals vor fünf Jahren, als von Boulevard-Blättern selbst unbedarfte Handwerker und Hausfrauen in der Hoffnung auf schnelles Geld in den Neuen Markt getrieben wurden. Damals war das Angebot an fragwürdigen Aktien zwar groß, aber die Nachfrage noch viel größer. Jeder auch noch so verrückte Preis wurde gezahlt. Obwohl jeder Kenner schon damals wusste (und manchmal sogar warnte), dass diese Hysterie nicht lange gut gehen würde, rannte die Masse der gierigen Ahnungslosen ungebremst ins Verderben - eine klassische, riesengroße Bubble, die der internationale, vor allem aber der deutsche Kapitalmarkt bekanntlich bis heute nicht recht verdaut hat.

Nun gibt es große und kleine Bubbles, schlechte und gute, und zweifellos ist es das Ziel vieler talentierter Kaufleute, aus dem möglichst frühzeitigen Erkennen von Trends und Moden - und damit Bubbles im embryonalen Stadium - gute Geschäfte zu entwickeln. Es gibt etwa Bubbles in der Spielwarenbranche, wo einzelne Produkte plötzlich weltweit einen Nachfrageboom erleben, aber der endet in der Regel genauso schnell, wie er begonnen hat. Vor diesen Mini-Bubbles muss sich, außer den vielleicht zu euphorisch kalkulierenden Unternehmern und Verkäufern, niemand fürchten.

Die Angst geht um vor anderen, globalen Bubbles. Zum Beispiel vor der Hauspreisexplosion in den USA, Großbritannien und Spanien, wo angeblich 20 Bill. Dollar auf dem Spiel stehen. Allein in Deutschland und Japan ist von dieser Blase in den anderen Industrieländern nichts zu spüren. In den Vereinigten Staaten etwa nährt der rasante Wertsteigerungs-, An- und Verkaufskreislauf bei Wohnimmobilien die Binnennachfrage und zieht die Sparquote auf fast null Prozent herunter. Grund: Jeder Beteiligte sollte zwar begreifen, dass dies auf Dauer ungesund ist, aber alle glauben, dass es bei Immobilien bisher noch immer gut gegangen ist. Niemand nimmt die Warnungen ernst, und wieder ist es ein Massenphänomen. Wann platzt die Bubble? Noch ist die US-Konjunktur eine der Lokomotiven der Weltwirtschaft. Noch.

Es gibt noch einige andere Beispiele - die Euro-Bubble, provoziert von einer in Washington gewünschten Dollar-Schwäche. Zweitens: Die Ölpreis-Bubble, basierend auf Spekulationen über die weiter explodierende Nachfrage in China und Indien und die fehlende Bereitschaft, neue Fördergebiete zu erschließen. Oder die China-Bubble selbst: Kann das Reich der Mitte dieses unglaubliche Wachstumstempo wirklich durchhalten? Viertens die Kredit-Bubble: Nicht in Deutschland, aber in vielen anderen Ländern führt das historisch niedrige Zinsniveau zu Fehlallokationen von Investitionen. Wo so etwas hinführen kann, ist in Ostdeutschland im Wohnungsbau und bei Baufirmen zu sehen.

Nicht zu vergessen die besonders brenzlige Hedge-Fonds-Bubble: Zig Milliarden Dollar und Euro bewegt die Hedge-Branche mit ihren Spekulationen täglich, und füllt damit vielen Investmentbanken die Kassen. Die Macht der Spekulanten wächst derart atemberaubend, dass die Börsenaufseher weltweit in Alarmstimmung sind und nach Regulierung rufen, um Instabilitäten des Weltfinanzsystems vorzubeugen.

Sind Bubbles zu verhindern? Vielleicht. Aber nur dann, wenn der Kopf irgendwann wieder die Kontrolle über den Bauch gewinnt. Wenn also eine Bubble-Gefahr erkannt und wirksam gegengesteuert wird. Die neuen Transparenz-, Kommunikations- und Corporate-Governance-Vorschriften dies- und jenseits des Atlantiks sollten den allgemeinen Erkenntnisprozess erleichtern. Allein das lautstarke Reden über die Bubble-Gefahren - sozusagen die Bubble-Bubble - sollte sich dämpfend auswirken. Auf die Notenbanken jedenfalls sollte man sich in diesem Fall nicht verlassen: Die US-Zentralbank Federal Reserve etwa müsste blitzschnell mit drastischen Zinserhöhungen reagieren, wollte sie etwas gegen die Hauspreis-Bubble unternehmen. Aber das ist kaum zu erwarten, weil sie damit andere, weniger boomende Bereiche der Wirtschaft ebenfalls treffen und das Wachstum abwürgen würde.

Auf die naive Frage "Wann platzt die nächste Bubble" hatten selbst die klügsten Davos-Teilnehmer keine Antwort. Es hilft alles nichts: Jeder, der nicht das Opfer einer Bubble werden will, muss selbst versuchen, die ersten Signale zu erkennen. Je weniger Massenbewegungen entstehen, die zu Bubbles führen könnten, desto besser.

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