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31.03.2003

09:46 Uhr

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Analyse: Die Steine des Islam

VonKlemens Kindermann

Sechs Tage hat Scheich Mohammed Chakani gewartet, bevor er den Rechtsspruch, die Fatwa, über die Amerikaner fällte. „Aggressoren und kriminelle Eindringlinge“, lautete schließlich sein Urteil. Sicher wird der Spruch von den USA überhört.

Sechs Tage hat Scheich Mohammed Chakani gewartet, bevor er den Rechtsspruch, die Fatwa, über die Amerikaner fällte. "Aggressoren und kriminelle Eindringlinge", lautete schließlich sein Urteil. Sicher wird der Spruch von den USA überhört. Was kümmert die Krieg führende Supermacht schon irgendein Religionsgelehrter aus Nadschaf? Doch gerade diese Ignoranz gegenüber der Bedeutung des Islams könnte die Mission der Amerikaner letztlich zum Scheitern bringen.

Schuld daran ist vor allem Saddam Hussein selbst. Allzu offen beutet er religiöse Sprache und Symbolik für seine Zwecke aus. In einer der Fernsehansprachen nach Kriegsbeginn benutzte der Diktator alleine das Wort "Gott" 28-mal. Die Flagge hinter dem Herrscher war so aufgeschlagen, dass das "Allahu Akbar", das "Gott ist am größten", deutlich sichtbar war. Die Amerikaner kennen das alles schon vom ersten Golfkrieg. Auch damals eröffnete Saddam seine Ansprache mit der Anrufung des allbarmherzigen Gottes, dem identitätsstiftenden Redebeginn des gläubigen Muslims. Zwangsläufig muss sich der Eindruck einstellen: In kaum einem anderen Land ist Religion derart instrumentalisiert wie im Irak.

Doch dieser Eindruck täuscht, vor allem die Amerikaner. Jenseits der Verhöhnung der Werte des Islams durch den Machthaber in Bagdad hat sich im Land eine praktizierende Religion erhalten, die im Zweifelsfall eher auf ihre eigenen Führer hört als auf Saddam oder die USA. Ganz besonders trifft dies auf die immer wieder von der sunnitischen Minderheit unterdrückten Schiiten zu, die 60 bis 65 Prozent der Bevölkerung stellen.

Wenn die US-Truppen sich jetzt wundern, warum sie statt mit Blumen mit Steinen empfangen werden, dürfte die Ursache gerade in der großenteils tief verankerten Religiosität der Menschen liegen. Denn nach der Lehre des Islams steht jede Gemeinschaft als politisches Gebilde unter dem Gesetz Gottes. An der Spitze des Staates steht eigentlich der Kalif, der Imam oder der Sultan, gebunden an die Gebote des Korans, der den Rat von Rechtsgelehrten einholen und beachten muss. Nur so legitimiert er sich bei den gläubigen Untertanen.

Dass Saddam aus Sicht vieler Muslime die Befähigung zu diesem Führeramt nicht besitzt, vollzieht jeder nach, der sich auch nur annähernd mit den Idealen des Islams beschäftigt hat. In dessen Mittelpunkt steht die Achtung vor Gott, und aus ihr folgt unmittelbar der Respekt vor dem Leben. So verbietet der Koran ohne Einschränkung den unberechtigten Mord. Spätestens mit der blutigen Niederschlagung des Protestes der Schiiten nach dem ersten Golfkrieg war klar, dass kein nach dem Islam gerechtfertigter Führer an der Spitze des Staates steht. Für die meisten Muslime sind die Religionsgelehrten schon lange in dieses Führungsvakuum getreten. Viele von ihnen - zunehmend auch die gemäßigten Sprecher im Irak, in Ägypten, Syrien und sogar in Indien - empfinden nun aber nach den Geboten des Islams auch das US-Vorgehen als lebensfeindlich und gottlos. Ihr Aufruf zum Widerstand wird den USA nicht nur militärische Probleme bereiten, sondern auch massive Schwierigkeiten beim Wiederaufbau. Die Amerikaner sollten die Ohren für die vielen Muftis und Glaubenslehrer öffnen.

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