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10.01.2001

09:38 Uhr

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Analyse: IT und Internet - Jobmaschinen mit wenig PS

VonMartin Bünnagel (Handelsblatt.com)

Im März vergangenen Jahres propagierten die Staatschefs der europäischen Union die Schaffung von 20 Millionen Arbeitsplätzen innerhalb der nächsten 10 Jahre. Ehrgeiziges Ziel: Die EU soll die USA in der neuen, auf dem Internet, dem elektronischen Handel und der Telekommunikation aufgebauten Wirtschaft nicht nur einholen, sondern sogar übertreffen. Doch das IT- und Internet-Vorbild USA ist den Europäern wieder einen Schritt voraus: 200 Internet-Unternehmenspleiten in vergangenen 12 Monaten.

HB DÜSSELDORF. Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und Partner zu der Beschäftigtenzahl bei den am Neuen Markt gelisteten Unternehmen ermittelte bis zum Juni 2000 106 000 Mitarbeiter. In den drei Jahren seit Bestehen des Neuen Marktes sei die Zahl der Unternehmen von 11 auf 269 gestiegen. Nach dem Börsgang habe sich die Anzahl der Mitarbeiter der betreffenden Unternehmen um 29 000 Mitarbeiter (30 %) erhöht. Der Bereich Internet,Software, IT-Services sei mit 50 % am Neuen Markt am stärksten vertreten. Im Vergleich zu anderen Branchen falle die Anzahl der Beschäftigten jedoch verhältnismäßig gering aus. (Durchschnittliche Mitarbeiterzahl im Bereich Internet 253, 337 bei Software und 449 bei IT-Services Unternehmen). Für Ende 2000 prognostizierte die Studie für diese Bereich einen Anstieg auf insgesamt 162 000 Beschäftigte.

Die New Economy erscheint zunehmend auch als Arbeitsmarkt in einem ehrlicherem Licht. Den rund 3,8 Millionen Arbeitslosen stehen in Deutschland zwar immer noch zehntausende unbesetzte Stellen in der Informationstechnologie gegenüber - das Marktforschungsinstitut International Data Corp. (IDC) rechnet für das Jahr 2002 in Deutschland mit 200 000 fehlenden Profis im Bereich Netzwerke und E-Business - doch fraglich erscheint, ob der überhitzte Neue Markt und die New "Economy" in Zukunft überhaupt weiterhin als "Job-Maschine" fungieren werden.

Nach katastrophalen Verlusten an der Börse und enttäuschten Umsatzerwartungen versuchen viele Unternehmen der New Economy durch Personalkürzungen wieder in die Nähe der schwarzen Zahlen zu kommen oder zumindest die drohende Pleite abzuwenden. Denn als ab Mai die Börsenkurse in den Keller sackten, verdunkelte sich in den USA auch der einst so rosige Arbeitsmarkt für Web-Profis. Höhepunkt waren Anfang des Jahres die angekündigten Massenentlassungen beim Online-Spielzeughändler eToys. Das Unternehmen will 700 seiner 1000 Mitarbeiter entlassen. Insgesamt mussten sich im vergangenen Jahr 41.515 Arbeitnehmer aus 496 dot. coms einen neuen Job suchen, schreibt das Wall Street Journal und beruft sich dabei auf Studien der Personalberatung Challenger, Gray & Christmas.

Zudem ist weiterhin unklar in wie weit sich das Internet selbst zum "Job-Killer" entwickeln wird. Der Würzburger Ökonom Rainer Thome sorgte bereits vor zwei Jahren mit einer Studie für Aufsehen , die das Rationalisierungspotenzial bei Banken durch Internet-Banking auf mehr als 50 % bezifferte. Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) schätzt den zukünftigen Verlust von Arbeitskaräften immerhin noch auf 200 000 von 765 000.

Doch auch die neuen Online-Jobs in Call Centern bei Banken, Versicherungen, E-Commerce und Telekommuniktionsunternehmen sind nicht sicher. Nach dem Motto "die Revolution frisst ihre Kinder" schreitet auch die technologische Entwicklung weiter und produziert immer neue Rationalisierungsmöglichkeiten. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Mummert und Partner sind auch Call Center von Massentlassungen bedroht. So sollen in Zukunft 80 % der Standard-Anfragen, wie Hotelreservierung oder Flugbuchungen durch entsprechende Computer abgewickelt werden. Dadurch könnten 90 000 der 180 000 Vollarbeitsplätze bei Call Centern eingespart werden, so das Ergebnis der Studie.

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