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08.04.2003

07:46 Uhr

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Analyse: Wiederaufbau - allein oder mit anderen

VonMarkus Ziener

Noch ist Bagdad nicht gefallen, da brechen schon wieder jene Konflikte auf, welche die USA schon vor dem Krieg nicht zu lösen vermochten. In den beiden Machtzentren der amerikanischen Administration ist man sich höchst uneinig darüber, wer wie den Irak künftig regieren soll.

Noch ist Bagdad nicht gefallen, da brechen schon wieder jene Konflikte auf, welche die USA schon vor dem Krieg nicht zu lösen vermochten. In den beiden Machtzentren der amerikanischen Administration, Pentagon und State Department, ist man sich höchst uneinig darüber, wer wie den Irak künftig regieren soll. Der Irak sei nicht Ost-Timor, beschied Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice jetzt spitz Ambitionen der Vereinten Nationen. Ebendas ist die Neuauflage des Streits im Grundsatz: "Amerika allein" gegen "Amerika mit anderen".

Paul Wolfowitz, stellvertretender Verteidigungsminister, sprach inzwischen bereits von mindestens einem halben Jahr, das für die Bildung einer neuen Regierung in Bagdad benötigt werde. Das ist lange angesichts der Tatsache, dass im Vorfeld dieses Krieges unzählige Kongresse, Konferenzen und Geheimtreffen mit der irakischen Opposition stattgefunden haben. Doch ein halbes Jahr einer amerikanischen Militäradministration könnte gerade jenen Zeitraum bemessen, um im Irak Fakten zu schaffen. Den ersten Schritt hierzu sollte gestern der Ex-General Jay Garner unternehmen. In Kuwait wollte er die Umrisse seiner US-Verwaltung skizzieren. Doch das US-Außenministerium durchkreuzte die Pläne des Pentagons und ließ die Pressekonferenz absagen.

Es ist dabei kein Trost, dass die Opposition, mit der es die USA im Irak zu tun haben, wenig beeindruckend ist. Neben den kampferprobten Rebellen bei Kurden und Schiiten, die vor allem Eigeninteressen verfolgen, gibt es eine bunte Mischung von Lobbyisten jedweder Art. Die meisten von ihnen haben ihre langen Exiljahre in den Plüschsesseln britischer und amerikanischer Salons verbracht, so wie etwa Ahmed Chalabi, der Favorit des Pentagons. Chalabi verlegte nach Jahrzehnten in London und Washington seinen Wohnsitz erst Anfang des Jahres nach Kurdistan, in jenen Teil des Iraks, der nicht unter Bagdads Kontrolle stand. Jetzt ließ er sich von den amerikanischen Streitkräften per "air lift" gar in den Süden des Landes transferieren, um beim politischen Wettlauf um Bagdad einen Standortvorteil zu besitzen.

Chalabi, Chef des Irakischen Nationalkongresses, gilt dem Pentagon als geeigneter Kandidat, weil er seine Gönner später nicht vergessen dürfte. Und über Chalabi ließe sich der Einfluss der amerikanischen Öllobby viel leichter durchsetzen als über die unabhängigen Diplomaten, die Colin Powell ins Rennen schicken will. Eine Namensliste aus dem Powell-Ministerium wurde vom Pentagon bereits zurückgewiesen. Die genannten Personen seien zu schwach, qualifizierte das US-Verteidigungsministerium die Bewerber ab.

Hinter dem Tauziehen stehen grundverschiedene Politikansätze. Während das Pentagon überzeugt ist, dass sich die USA für ihre entschlossene Kriegsführung politisch und wirtschaftlich belohnen müssten, bemüht sich das State Department um eine Annäherung an den verärgerten Rest der Welt. So will Powell den Vereinten Nationen beim Wiederaufbau eine bedeutende Rolle zugestehen. Doch gerade darin sehen die Konservativen eine Gefahr. Mit der Fortführung des Öl-für-Nahrungsmittelprogramms der Uno etwa könnte so durch die Hintertür den Blockierern im Sicherheitsrat, Russland und Frankreich, in einem künftigen Irak-Geschäft gehöriger Profit zufließen. Ein Szenario, das die Falken auf jeden Fall verhindern wollen.

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