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03.02.2003

07:19 Uhr

Analysten begrüßen Vergleich mit Klägern

Ruhrgas-Fusion kommt Eon teuer zu stehen

VonJürgen Flauger

Eon hat nach einem zähen Ringen mit Aktionären, Konkurrenten, Kartellbehörden und Anwälten die Kontrolle der Essener Ruhrgas übernommen. Ein außergerichtlicher Vergleich beendete die juristische Hängepartie - die finnische Fortum und die EnBW erhalten aber zum Teil lukrative Beteiligungen.

Grafik: Handelsblatt.com

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DÜSSELDORF. Der Energiekonzern Eon hat sich mit schmerzhaften Zugeständnissen an die Konkurrenten aus der juristischen Hängepartie um die Ruhrgas-Übernahme freigekauft. Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) darf sich nach Informationen des Handelsblatts Teile der lukrativen Stadtwerkeholding Thüga herausschneiden. In der Thüga hat Eon rund 120 Beteiligungen an Stadtwerken und Regionalversorgern gebündelt. Kommunalversorger sind begehrt, weil sie den Konzernen Zugang zu den Endkunden verschaffen.

Eon hatte sich am Freitagmorgen nach tagelangen Verhandlungen mit den neun Unternehmen geeinigt, die mit Beschwerden die Fusion über Monate blockiert hatten. Das Oberlandesgericht Düsseldorf (OLG) hob seine Einstweilige Verfügung auf. Eon übernahm die Kontrolle der Ferngasgesellschaft und ist nun mit 13 Mill. Gas- und 17 Mill. Stromkunden das größte private Energieunternehmen in Europa. Lediglich die staatseigene Electricité de France ist größer.

"Dies ist ein guter Tag für Eon und Ruhrgas, für RAG und Degussa - und somit auch ein guter Tag für den Wirtschaftsstandort Deutschland", sagte Eon-Chef Ulrich Hartmann auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz. Analysten bezeichneten die Einigung als "Befreiungsschlag". Die Kläger zeigten sich zufrieden mit den Zugeständnissen. Lediglich Verbraucherschützer klagten: "Die Fusion ist ein Schlag gegen den Rechtsstaat und die Verbraucher", sagte Aribert Peters, Vorsitzender des Bundes der Energieverbraucher. Er kündigte eine Beschwerde bei der EU-Kommission an.

Die EnBW war das einzige Schwergewicht unter den Beschwerdeführern und hatte schon früh ihr Interesse an der Thüga bekundet. Die Holding ist aber zentraler Bestandteil in Eons Strategie, mit der Ruhrgas einen integrierten Strom- und Gaskonzern aufzubauen, der alle Stufen von der Produktion bis zum Vertrieb an Endkunden abdeckt. Eon-Chef Hartmann stellte am Freitag zwar klar: "Die Thüga bleibt Teil des Konzerns". Offenbar aber nicht komplett. In mit den Verhandlungen vertrauten Kreisen hieß es, Thüga müsse Beteiligungen an die EnBW verkaufen.

Offiziell erklärte der Eon-Konzern lediglich, er habe sich mit der EnBW über den Tausch von Beteiligungen geeinigt. Über den Inhalt sei Stillschweigen vereinbart worden. In den Kreisen hieß es, mit der Vertraulichkeit wolle man die Detailverhandlungen nicht gefährden. Bei einigen Beteiligungen gebe es Vorkaufsrechte Dritter und kartellrechtliche Vorbehalte. Dies gelte auch für den Regionalversorger Bayerngas, für den sich EnBW ebenfalls interessiere. Hier besitze die Stadt München ein Vorkaufsrecht.

Bis zuletzt hatte sich der finnische Produzent Fortum Oil and Gas gegen ein Einigung gesträubt und hohe Zugeständnisse erstritten: Auch mit Fortum tauscht Eon Beteiligungen - in Skandinavien und Russland. Volumen: 800 Mill. Euro. Beim Kraftwerksbetreiber Concord-Power kauft Eon einem Aktionär eine 25-%-Beteiligung ab. Die anderen Beschwerdeführer die Kommunalversorger Rosenheim, Aachen und GGEW sowie die Energiehändler Ampere, Ares und Trianel, werden mit Sonderkonditionen, Beteiligungen, Marketingzuschüssen und Geldzahlungen abgefunden. Ihnen sei insgesamt eine Summe von 90 Mill. Euro garantiert worden, sagte Hartmann. Dies sei die einzige finanzielle Belastung für Eon, weil die Transaktionen mit EnBW, Fortum und Concord jeweils "in der Regel" zum Verkehrswert abgewickelt würden. Den Kompromiss bezeichnete Hartmann als "vertretbar".

Für Eon war die Einigung die einzige Möglichkeit, ein jahrelanges Berufungsverfahren vor dem Bundesgerichtshof abzuwenden. Monatelang hatte das OLG den Zusammenschluss blockiert. Es sah gravierende Verfahrensmängel bei der Sondergenehmigung, mit der das Wirtschaftsministerium die Fusion im Juli gegen das Votum des Kartellamtes gebilligt hatte.

Der Aktienkurs legte am Freitag 4,5 % zu. "Eon war zuletzt wie gefesselt", sagte Analyst Matthias Heck vom Bankhaus Santander: "Die Einigung sieht auf den ersten Blick ganz gut aus". Wie hoch die Belastungen aus den Beteiligungstäuschen letztlich ausfallen, sei aber "nahezu unmöglich abzuschätzen". Frank Laser von der Berenberg Bank äußert sich ähnlich: "Das bleibt im Dunkeln". Bereits der Kaufpreis von 10,5 Mrd. Euro sei "ambitioniert bis hoch" gewesen.

Die Kläger betonten, dass sich die Ruhrgas verpflichtet habe, den Zugang zu ihrem Gasnetz deutlich zu flexibilisieren und zu vereinfachen. Das komme allen Marktteilnehmern zu Gute. "Wir sind zu einer befriedigenden Lösung gekommen", erklärte die Kanzlei Becker Büttner Held, die sechs Beschwerdeführer vertreten hatte. Ruhrgas-Chef Burkhard Bergmann schränkte jedoch ein: "Das sind keine revolutionären Veränderungen". Verbraucherschützer Peters sagte denn auch: "Die Interessen der Monopolisten haben sich auf dem Umweg über das Wirtschaftsministerium, das Kanzleramt und hohe Schweigeprämien für die Konkurrenten durchgesetzt".

Quelle: Handelsblatt

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