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18.03.2003

08:05 Uhr

Analysten hegen zaghafte Zuversicht

Lipobay überschattet den Umbau bei Bayer

Das Geschworenengericht im texanischen Corpus Christi hat am Montag im ersten Lipobay-Schadenersatzprozess gegen den Chemie- und Pharmakonzern Bayer wieder kein Urteil gefällt. Die zwölf Geschworenen teilten dem Richter mit, bei ihren Beratungen habe sich keine Mehrheit finden lassen.

shf/kk FRANKFURT/M. "Wir sind nicht in der Lage, eine Mehrheit in der zweiten Frage zu bekommen", ließ die Jury das Gericht wissen. Die zweite der sechs Fragen, die die Jury beantworten soll, ist die, ob das Medikament selbst fehlerhaft war. Zu den anderen Fragen - etwa ob die Beschreibung für die Anwendung fehlerhaft war - äußerte sich die Jury bisher nicht. Sie wolle jedoch die Erörterung des Falles fortsetzen.

Bereits am vergangenen Freitag hatten sich die Geschworenen nicht auf ein Urteil verständigen können. Nach texanischem Recht müssen zehn der zwölf Mitglieder der Jury einem Spruch zustimmen.

Die Unsicherheit über die Lipobay-Prozesse überschattet das laufende Geschäft von Bayer. Während Investoren und Analysten gespannt auf den Ausgang des ersten Lipobay-Verfahrens warteten, stand die Aktie des Chemie- und Pharmakonzerns gestern zunächst nochmals unter Druck. Sie notierte zeitweise unter 10 Euro, konnte sich später mit dem Gesamtmarkt aber wieder erholen.

Im ersten Schadenersatz-Prozess geht es um die Klage eines 82-jährigen Mannes aus Texas und seiner Ehefrau. Sie haben Bayer auf 58 Mill. $ Schadenersatz sowie 500 Mill. $ Strafe verklagt, weil das Bayer-Medikament Lipobay bei dem Mann einen gefährlichen Muskelzerfall ausgelöst haben soll. Bayer hatte das Medikament gegen zu hohe Cholesterinwerte im August 2001 vom Markt genommen, nachdem sich solche Nebenwirkungen gehäuft hatten.

Seither haben 8 400 Personen in den USA Klage gegen den Leverkusener Konzern eingereicht. Mit 500 Klägern hat sich Bayer außergerichtlich geeinigt und dafür Zahlungen von 140 Mill. Euro zugesagt. Viele Beobachter gehen jedoch davon aus, dass Bayer noch wesentlich höhere Summen benötigen wird, um alle Kläger zufrieden zu stellen. Vergangene Woche hatte Vorstandschef Werner Wenning erstmals eingeräumt, dass der Versicherungsschutz des Konzerns möglicherweise nicht ausreicht, um die Kosten der Prozesse zu decken.

Der Ausgang des Verfahrens in Texas gilt als wichtiges Signal für weitere Prozesse. Allein bis September sind nach Angaben von US-Anwälten mehr als 20 Prozesse angesetzt. Deutlich geschwächt würde die Position des Konzerns, wenn die Jury in Texas zu der Überzeugung gelangen sollte, Bayer habe schuldhaft gehandelt.

Anwälte des Klägers werfen Bayer vor, Informationen über Nebenwirkungen bei Lipobay gegenüber Zulassungsbehörden und Ärzten zurückgehalten zu haben und versuchten dies mit internen Dokumenten von Bayer und Zeugenaussagen zu belegen. Bayer weist die Vorwürfe zurück.

Eine hohe Strafe würde nach Einschätzung vieler Beobachter die Vergleichsverhandlungen wesentlich erschweren und dazu beitragen, dass weitere Klagen gegen den Konzern eingereicht werden. Die Ratingagentur Moodys hatte mit Blick auf die daraus resultierenden Risiken eine Überprüfung der Bonität von Bayer angekündigt. Manager aus der Pharmabranche sehen im ungünstigsten Fall sogar die Existenz des Konzerns gefährdet.

Analysten äußern sich zuversichtlicher. Die US-Investmentbank Lehman Brothers rechnet damit, dass es letztlich wohl doch nicht zu dem gefürchteten Straf-Schadenersatz kommen wird. Bayer habe sich in zwei entscheidenden Punkten relativ korrekt verhalten: bei der Übermittlung von Daten an die Zulassungsbehörde und bei der Reaktion auf Nebenwirkungsfälle. Das finanzielle Risiko sei daher begrenzt, auch wenn die Zahl der Klagen noch deutlich zunehmen sollte. Die Analysten schätzen das Risiko auf etwa 2,2 Mrd. $, wenn eine Strafzahlung ausbleibt. WestLB Panmure geht davon aus, dass die Börse inzwischen rund 10 Mrd. Euro Belastungen vor Steuern einkalkuliert. Die Kursentwicklung werde weiter von den Lipobay-Verfahren dominiert. Operativ habe Bayer aber die Grundlagen für eine deutliche Gewinn-Verbesserung gelegt. Angesichts der Konjunkturflaute im Industriegeschäft und der schwachen Performance von Konkurrenten in der Agrochemie hat die Bank ihre Bewertung für Bayer von 22 auf 18 Euro gesenkt.

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