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30.01.2001

16:26 Uhr

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Analysten sehen EZB in Warteposition

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird nach einhelliger Einschätzung von Analysten am Donnerstag die Leitzinsen in der Euro-Zone unverändert lassen, auch wenn die US-Notenbank am Tag zuvor ihre Geldpolitik erneut deutlich lockern sollte. Doch auch in der Euro-Zone sei die Zeit bald reif für niedrigere Zinsen, wenn Wirtschaftswachstum und Inflationsgefahren wie erwartet nachlassen.

Reuters FRANKFURT. "Erst, wenn die Inflationsrisiken sich klar verringert haben, wird die EZB die Zinsen um 25 Basispunkte senken können", sagte Jürgen Michels von Sal. Oppenheim, der mit einem solchen Schritt im zweiten Quartal rechnet. In den vergangenen Tagen hatten auch mehrere führende EZB-Ratsmitglieder signalisiert, dass die EZB noch nicht unmittelbar eine Wende ihrer Geldpolitik vollziehen wird.

Die EZB, deren oberstes Ziel die Gewährleistung stabiler Preise in der Euro-Zone ist, beobachtet für ihre Zinsentscheidungen zum einen das Wachstum der Geldmenge und zum anderen die anhand einer Reihe weiterer Wirtschaftsdaten geschätzten Inflationsaussichten. Um die Inflation in der Euro-Zone in Schach zu halten, hatte die Notenbank von November 1999 bis Oktober 2000 die Zinsen sieben Mal erhöht und den Schlüsselzins insgesamt um 2,25 %-punkte auf 4,75 % angehoben. Zinserhöhungen, sinkende Ölpreise und ein stärkerer Euro haben die Inflationsgefahr seither vermindert. Doch gleichzeitig hat sich die jahrelang boomende Konjunktur in den USA drastisch abgekühlt. Dies könnte nach Einschätzung von Analysten auch das Wachstum in der Euro-Zone dämpfen, das in diesem Jahr allen Prognosen zufolge ohnehin nicht mehr so kräftig ausfallen wird wie in 2000.

Seit der Zinssenkung der US-Notenbank Anfang Januar war an den Finanzmärkten die Erwartung gestiegen, die EZB könne diesen Schritt bald nachvollziehen. Sowohl EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing als auch Ernst Welteke, als Bundesbank-Präsident Mitglied des EZB-Rates, hatten jedoch kürzlich betont, für die EZB bestehe wegen der Zinssenkung in den USA kein Handlungsdruck. Die Schwäche der US-Wirtschaft werde sich nur begrenzt auf die Konjunktur in der Euro-Zone auswirken, hatte EZB-Vizepräsident Christian Noyer gesagt.

Welteke zufolge belaufen sich die meisten Prognosen für das Wachstum in der Euro-Zone auf drei Prozent in 2001 nach rund 3,5 % 2000. Damit überträfe das Euro-Zonen-Wachstum das der USA. Nach einer Reuters-Umfrage erwarten Analysten in den Vereinigten Staaten für 2001 ein Wachstum von 2,3 % nach 3,5 % im vergangenen Jahr. Vor wenigen Tagen erst hatte US-Notenbankpräsident Alan Greenspan gesagt, die US-Wirtschaft wachse derzeit kaum, eine Rezession sei aber unwahrscheinlich. Die Finanzmärkte rechnen deshalb nahezu einheitlich mit einer weiteren Zinssenkung der Fed am Mittwoch.

Eine rückläufige Inflation in der Euro-Zone, das schwächere Wachstum der Geldmenge und eine leichten Konjunkturabkühlung sind Volkswirt Michels zufolge drei wichtige Faktoren, die für eine Zinssenkung auch in der Euro-Zone sprechen. Nach einer Reuters-Umfrage unter 65 Volkswirten rechnen etwa 80 % der Analysten mit einem ersten Schritt nach unten noch im ersten Halbjahr 2001, die meisten erwarten 25 Basispunkte im zweiten Quartal. Einen Viertel Prozentpunkt hält Michels für ausreichend. "Eine stärkere Zinssenkung ist nicht nötig, weil das Wachstum in der Euro-Zone ebenso wie in den USA im zweiten Halbjahr wieder stärker wird", sagte er.

Nach Einschätzung von Eckhard Schulte, Volkswirt von Dresdner Kleinwort Wasserstein, muss die EZB dagegen früher handeln und die Zinsen mehrmals lockern. Er rechnet mit dem ersten Schritt um 25 Basispunkte im März. "Wenn der Euro mitspielt und bis zum Jahresende die Parität zum Dollar erreicht, ist Spielraum für Senkungen von insgesamt 100 Basispunkten bis Ende 2001", sagte er. Derzeit liegt der Euro mit Kursen um 92 Cent noch deutlich unter einem Kurs von 1,00 Dollar.

Schulte rechnet anders als Michels mit einer stärkeren Konjunkturabschwächung in der Euro-Zone. Im Durchschnitt erwartet er einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 2,5 % in diesem Jahr. Die Inflation werde in den kommenden Monaten weiter zurückgehen. Für Januar erwartet Schulte keine höhere Jahresteuerungsrate als im Dezember, als sie 2,6 % betrug. Mit 2,9 % hatte die Rate ihren Höhepunkt bisher im November erreicht. "Der zu Grunde liegende Inflationstrend ist sehr gut. Ich denke, die EZB wird schon im März oder April um 25 Basispunkte senken", sagte er.

Die Zinsentscheidung der europäischen Währungshüter wird am Donnerstag gegen 13.45 Uhr bekanntgegeben. Im Anschluss findet eine Pressekonferenz statt.

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