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04.02.2004

10:20 Uhr

Anbieter müssen auf Bedürfnisse des Mittelstands fokussieren

IT-Konzerne umwerben kleine Firmen

Die Zeit der Patriarchen, die aus dem Bauch heraus einsame Entscheidungen treffen, ist vorbei. Davon ist Heinz-Paul Bonn, Vorsitzender des Bitkom-Forums Mittelstand, überzeugt. Entscheidend für den Erfolg kleiner und mittelständischer Unternehmen (KMU) in Zeiten der global vernetzten Wirtschaft seien knallharte Echtzeit-Informationen, auf die Entscheider mit Hilfe von IT-Systemen zugreifen. "Es reicht heute nicht mehr aus, dass sich der Unternehmer auf seinen Instinkt verlässt", sagt der Experte des High-Tech-Verbandes.

HB DÜSSELDORF. Bonns Worte sind Wasser auf den Mühlen der weltgrößten Softwareunternehmen. SAP, Microsoft, Peoplesoft - sie alle wollen den Markt für mittelständische Informationstechnologie mit hohem vertrieblichen Aufwand und intensivem Marketing erobern - in der Hoffnung auf üppiges Wachstum. Und der Plan scheint aufzugehen. Der Umsatz des weltgrößte Computerherstellers Dell beispielsweise wächst derzeit in diesem Bereich am rasantesten - vor allem in Europa. Bei Fujitsu Siemens stieg der Umsatz im Bereich KMU im dritten Quartal 2003 um satte 18 Prozent.

Die Zielgruppe betrachtet die Avancen grundsätzlich mit Wohlwollen, ermittelte die Münchener Meta Group bei einer Befragung von knapp 250 Anwenderunternehmen mit 200 und 499 Mitarbeitern. "30 Prozent der Mittelständler sagen, dass das Engagement der Großen für sie interessant ist, 39 Prozent wollen zunächst abwarten und beobachten den Markt", sagt Matthias Zacher, Berater bei der Meta Group. Nur jedes zehnte Unternehmen lehne die Marketing- und Vertriebsoffensiven der Softwareriesen ab.

Ein Grund für die Offenheit gegenüber den Global Playern ist, dass vielen der kleinen, spezialisierten Anbietern von Unternehmenssoftware in den letzten Jahren das Geld ausging. Vor allem die Pleite des niederländischen Anbieters von Unternehmenssoftware Baan erschütterte die Anwender. Auch die Übernahme von J.D. Edwards durch Peoplesoft und der Kauf von Navision durch Microsoft haben etliche Nutzer verunsichert. "Bei den Großen muss sich keiner Gedanken darüber machen, ob es sie in drei Jahren noch gibt", erläutert Zacher den Trend.

Mangelndes Branchenwissen

Doch ganz so leicht wie erhofft werden sich die großen Anbieter auf dem Markt für Mittelstandssoftware nicht durchsetzen. Ein Problem ist noch, dass ihnen häufig das Branchenwissen fehlt. Zudem stecken viele Mittelständler nach drei mageren Jahren in einer Existenzkrise und haben kein Geld für Investitionen. Hinzu kommt, dass viele Hardware-, Software- und Service- Anbieter nicht zielgruppengerecht agieren: Sie bieten zu umfangreiche Lösungen für zu viel Geld an und vergessen, dass inhabergeführte Unternehmen sich in ihrer Struktur fundamental von den großen Weltkonzernen unterscheiden.

SAP punktet etwa mit der Software Business One bei bis zu 20 Mitarbeitern starken Firmen. Größeren Unternehmen wird aber zu den mächtigen My-SAP-Produkten geraten, die zwar leistungsstark, aber auch teuer sind. Außerdem sind sie schwer zu implementieren und zu bedienen. Auch Oracle und Peoplesoft versuchen bislang mit bescheidenem Erfolg, ihre Produkte auf KMUs zuzuschneiden. "Der Mittelstand braucht kleine und bezahlbare Pakete", sagt Bitkom-Experte Bonn.

Noch schwerer fällt es der Sicherheitsbranche, sich bei den KMUs zu etablieren - trotz der Schäden, die Viren und Würmer wie Blaster im letzten Jahr angerichtet haben. "Das Sicherheitsbewusstsein im Mittelstand ist kaum ausgeprägt", sagt Walfried Sauer, Geschäftsführer des Sicherheitsmanagement Result Group-Unternehmens in München.

Hier soll "Mcert" Abhilfe schaffen. Innen- und Arbeitsministerium des Bundes haben zusammen mit Bitkom dieses auf den Mittelstand spezialisierte Informationszentrum ins Leben gerufen. Mcert bietet schnelle Warnmeldungen und leicht verständliche Handlungsempfehlungen per E-Mail-Abo an.

Doch ob in den Firmen tatsächlich jemand Zeit hat, die E-Mail- Warnmeldungen des "Mcert" zu lesen und die entsprechenden Gegenmaßnahmen zu ergreifen, ist fraglich: Die gewachsenen Anforderungen an die Funktionalität und Sicherheit der Systeme überfordern häufig die kleinen IT-Fachabteilungen. Marktforscher wie die US-Analysten IDC erwarten deshalb, dass die Zielgruppe KMU verstärkt auf flexible Auslagerungsdienste zugreifen, die derzeit vor allem Großkonzerne nutzen: Das Outsourcing von IT-Prozessen sowie das Verlagern von Sicherheitsdienstleistungen zu externen Anbietern.

Quelle: Handelsblatt online 28.01.2004

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