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09.01.2001

18:00 Uhr

Reuters BERLIN. Gut sechs Wochen hatte Andrea Fischer der BSE-Krise standgehalten, dann wurde der Druck offenbar zu groß. Seit Ende November der erste BSE-Fall bei einem deutschen Rind entdeckt wurde, kämpfte sie gegen die Ängste der Verbraucher, Widerstand aus dem Agrarressort, Pannen im eigenen Haus, Fehler der Vergangenheit, Rücktrittsforderungen der Opposition und zuletzt auch Kritik aus den eigenen Reihen. Auch nach den Weihnachtsferien hielten Berichte über Abstimmungspannen an. Am Dienstag wollte die Grünen-Politikerin nach Angaben aus Regierungskreisen ihren Rücktritt erklären.

Fischer war schon früher ein vorzeitiger Abgang voraus gesagt worden, allerdings wegen ihrer umstrittenen Gesundheitsreform. Nun wurde sie das erste politische Opfer der BSE-Krise. Unterstützern Fischers muss der Rücktritt als bittere Ungerechtigkeit erscheinen. "Andrea Fischer hat viel eher vor BSE und Tiermehl gewarnt als andere", verteidigte sie ihr Parteichef Fritz Kuhn noch kurz vor Weihnachten gegen Rücktrittsforderungen aus der Opposition.

Auf Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD) und die 40-jährige Fischer als zuständige Minister konzentrierte sich die öffentliche Kritik am Umgang des Staates mit BSE. Dabei machte Fischer nicht immer eine gute Figur: Zuerst musste sie zugeben, dass ihre Beamten ihr eine brisante Expertenwarnung vor BSE-Risikofleisch erst nach einer Woche vorgelegt hatten. Dann tauchten Warnungen aus der Zeit der Vorgängerregierung auf, und Fischer gab kleinlaut zu, sie habe nicht alle Akten ihres Vorgängers gelesen. Bereits zu diesem Zeitpunkt mussten Sprecher der Ministerin und von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) dementieren, dass Fischer dem Kanzler ihren Rücktritt angeboten habe.

Schröder stärkte Fischer noch kurz vor Weihnachten in einem Telefongespräch den Rücken, wohl auch, weil er den sechsten Ministerrücktritt seiner Kanzlerschaft kurz vor wichtigen Landtagswahlen und keine zwei Jahre vor der Bundestagswahl um fast jeden Preis verhindern wollte. Zudem ist das Gesundheitsressort nicht erst durch BSE eine der undankbareren Aufgaben der Regierung. Fischer streitet sich seit ihrem Amtsantritt mit Ärztefunktionären, Kassenvertretern und Pharmalobbyisten über die Gesundheitsreform, eines der zentralen Projekte der rot-grünen Regierung. Warum sie den Spitznamen "Vulkan" trägt, zeigten die heftigen Reaktionen der eigentlich fröhlichen Politikerin auf die teilweise scharfen Angriffe auf ihre Person und Kompetenz.

Als Fischer nach der Bundestagswahl 1998 als jüngste Ministerin ihr Amt antrat, wurde ihre sozialpolitische Kompetenz selbst vom politischen Gegner kaum in Frage gestellt. Als sozialpolitische Sprecherin ihrer Fraktion hatte sie Vorschläge zur Reform des Sozialstaats vorgelegt, die ihr auch bei der damalige Regierung Respekt einbrachten. Zu den Grünen war die gelernte Druckerin, "überzeugte Gewerkschafterin" (Fischer) und studierte Volkswirtin Mitte der 80er Jahre gekommen, seit 1994 ist sie Mitglied des Bundestags. Vorher arbeitete sie beim Europaparlament, am Wissenschaftszentrum Berlin und der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte.

Nach ihrem Rücktritt dürfte Fischer wieder mehr Zeit für ihr Hobby - Saxophonspielen - haben. Und auch die Zigaretten, die sie wegen ihrer Vorbildfunktion zuletzt nur heimlich rauchte, kann sie künftig wieder öffentlich genießen. Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie nicht mehr ihr Ministeramt ausübe, sagte Fischer im Dezember in einem Fernsehinterview: "Ganz etwas anderes.

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