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22.01.2001

20:22 Uhr

Angehörige der Opfer fordern erneute Untersuchung

Anklage bezeichnet Pinochet-Gutachten als "falsch"

Das Gutachten zum Gesundheitszustand des früheren chilenischen Diktators Augusto Pinochet ist nach Ansicht von Rechtsanwälten der Angehörigen von Diktaturopfern "falsch". Diese Einschätzung ergebe sich aus der Weigerung des von der Klägerseite gestellten Mediziners Luis Fornazzari, sagten die Anwälte am Montag.

dpa SANTIAGO DE CHILE. Der in Kanada arbeitende chilenische Neurologe und Psychiater hatte an den Tests zur Feststellung der geistigen Fähigkeiten Pinochets teilgenommen. Anschließend verweigerte er jedoch seine Unterschrift unter das Gutachten, weil es geändert worden sei.

Fornazzari hatte den endgültigen Text erst nach seiner Rückkehr nach Toronto erhalten. Darin sei aus der festgestellten "leichten bis moderaten Demenz" Pinochets eine "mittlere Demenz", also eine bereits mittelschwere altersbedingte Einschränkung der geistigen Fähigkeiten des 85-Jährigen geworden. "Dieser Patient leidet nicht an einer mittleren Demenz, sondern an einer leichten, die erst ganz am Anfang der Entwicklung hin zu einer mittleren steht", sagte der Arzt. Bis zu einer mittleren Demenz sei es noch ein langer Weg, fügte er hinzu.

Die Rechtsanwälte der Angehörigen der Opfer forderten deshalb eine Untersuchung. Falls notwendig würden sie eine Wiederholung der neurologischen und psychologischen Tests fordern.

Der Untersuchungsrichter Juan Guzman muss auf Grund des Gutachtens entscheiden, ob er Pinochet wegen Verbrechen unter der Militärdiktatur noch vor Gericht stellen darf oder ihn für verhandlungsunfähig erklären muss. Die chilenischen Gesetze sehen Verhandlungsunfähigkeit nur vor, wenn der Anzuklagende verrückt ist oder unter Demenz leidet. Wie weit fortgeschritten der geistige Verfall sein muss, ist jedoch umstritten.

Guzman will den früheren Machthaber zunächst an diesem Dienstag einem ersten Verhör zu den Vorwürfen unterziehen. Er wirft dem Ex- Diktator Anstiftung und Beihilfe zu Mord und Entführung in 75 Fällen vor. Während der Diktatur (1973-1990) wurden etwa 3 000 Regimegegner getötet. Fast 1 200 gelte bis heute als vermisst.

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