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25.03.2003

12:32 Uhr

Angst vor Hunger und Durst schürt die Feindschaft

Amerikaner wollen Iraker mit humanitärer Hilfe umwerben

VonY. Trofimov (Neil King Jr., Wall Street Journal)

Die Hoffnung, als Befreier begrüßt zu werden, hat getrogen. Stattdessen sehen sich die amerikanischen und britischen Truppen nicht nur der Feindschaft, sondern manchmal sogar dem Gewehrfeuer verzweifelter Einwohner gegenüber, die unter Wasser- und Lebensmittelknappheit leiden.

AZ ZUBAYR. In der staubigen Stadt Az Zubayr südlich von Basra haben einige Iraker in Zivilkleidung die Koalitionstruppen mit Granaten und Maschinengewehren angegriffen. "Die Amerikaner zerstören unser Land. Es wird einen Kampf geben", prophezeit Ismail Hantush, Ingenieur einer irakischen Ölfirma. Nebenan wiegt ein Schneider sein Baby und meint lächelnd: "Wir hassen euch. Ihr seid Kriminelle."

Die US-Regierung hofft, mit einer großen Versorgungsaktion die Iraker umstimmen zu können. Der Schlüssel dazu ist die Wiedereröffnung des Hafens von Umm Kasr, den die Koalition bei der Beschaffung von Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten nutzen will. Jede Verzögerung könnte dazu beitragen, die Antipathie noch zu schüren.

Der von seinem Wochenendsitz Camp David zurückgekehrte Präsident Bush hat sich des Themas bereits angenommen: "Massive humanitäre Hilfe soll innerhalb der nächsten 36 Stunden anlaufen, und das sind sehr gute Nachrichten für diejenigen, die lange Zeit unter Saddam Hussein gelitten haben", versprach er am Sonntagabend. Die ersten Notlieferungen werden, den Militärkonvois folgend, über Land aus Kuwait erwartet.

Unerwartete Feindseligkeit

Die Feindseligkeit, die den Invasoren im Südirak entgegenschlägt, steht in scharfem Gegensatz zur Erwartung der US-Kommandeure, die auf einen freundlichen Empfang hofften. Die Region, Hochburg der schiitischen Mehrheit, hatte 1991 den Aufstand gegen Hussein geprobt. Noch vor einigen Wochen hatten US-Kommandeure geplant, TV-Crews für Aufnahmen jubelnder Menschenmengen in die Region zu fliegen. Doch zu viele Iraker erinnern sich noch zu gut an die Verfolgung all derer, die 1991, den Versprechen der Amerikaner folgend, zu den Waffen gegriffen hatten und von Saddam anschließend gejagt wurden.

Britische und amerikanische Verbände hatten die Stadt Umm Kasr und den dazugehörigen Hafen am Samstag nach langen Kämpfen eingenommen. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld warnte dennoch: Es sei übertrieben, den Hafen schon als sicher zu bezeichnen. So suchen britische Marineeinheiten, während an den Rändern der Stadt noch gekämpft wird, im Hafengebiet nach Minen und versteckten Bomben. Bis Mitte der Woche soll der Hafen wieder offen sein, dann soll auch die humanitäre Hilfe anlaufen. Der britische Konteradmiral David Snelson berichtet, sechs mit Lebensmitteln beladene Schiffe warteten in Häfen des Persischen Golfs. Ob jedoch Wasser und Nahrung genug sind, um die Bevölkerung zu befrieden, bleibt unklar.

Der britische Soldat Robert MacLeod von der siebten Luftwaffenbrigade steht mit seinem leichten Maschinengewehr an einer Autobahn südlich von Basra, der zweitgrößten irakischen Stadt. "Diese Leute besitzen immer noch viele Waffen - und wir wissen nicht, ob es Soldaten oder Bürger sind, die Gewehre nehmen und auf uns feuern", beschreibt er die Situation.

Gefahr durch Plünderer steigt

In dem Chaos nutzen Plünderer die Gelegenheiten, die sich aus der schwachen militärischen Präsenz in der dicht bevölkerten Region des Südens ergeben. Autofahrer leerten die Benzintanks einer schäbigen Tankstelle in Safwan, nur einige Meter von einem britischen Außenposten entfernt. In Az Zubayr raubten hungernde Menschen das lokale Nahrungsmitteldepot aus, dessen Vorräte unter normalen Umständen für 30 Tage gereicht hätten. "Wir haben die Armee gebeten, uns zu helfen, doch niemand reagierte", beschwert sich der Leiter des Depots, Mohsen Galban. "US-Soldaten ermutigen Diebe dazu, Verpflegung zu stehlen.

Inzwischen heißt es aus Quellen des amerikanischen Militärs, die Hafenstadt Umm Kasr werde wahrscheinlich das erste irakische Gebiet unter US-Militärverwaltung sein. Schon sucht die Army nach Lotsen, um die Frachter durch den "Khor abd Allah"-Kanal zu leiten, der den Hafen mit dem nördlichen Golf verbindet. Untiefen und gesunkene Fähren erschweren dort die Navigation. Unklar aber ist bis heute, woher die Arbeiter kommen sollen, die die kostbare Fracht entladen und die blauen Kräne bedienen sollen.

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