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13.01.2003

12:47 Uhr

Ankara spielt auf Zeit

US-Militär inspiziert türkische Stützpunkte

US-Militärexperten haben am Montag mit der Inspektion von türkischen Luftwaffenstützpunkten begonnen, die bei einem Militärschlag gegen den Irak als Ausgangsbasis für eine Offensive aus dem Norden in Frage kommen.

HB/dpa ISTANBUL. Die amerikanischen Militärstrategen sind vor allem an Flughäfen im Südosten des Landes interessiert. Sie liegen nicht weit von der gut 300 Kilometer langen türkisch-irakischen Grenze entfernt.

Vom südtürkischen Stützpunkt Incirlik aus werden die Experten in Gruppen die Militärflughäfen von Diyarbakir, Batman, Malatya und Mus aufsuchen, berichteten türkische Medien. Auf der Wunschliste Washingtons stehen auch zwei Mittelmeerhäfen, von denen aus schweres Gerät und Nachschub rollen könnten. Die Inspektionen, bei denen laut Medienberichten auch die Aufstellung von Patriot-Luftabwehrsystemen untersucht wird, sind nach Angaben des türkischen Generalstabs auf zehn Tage veranschlagt.

Allerdings bedeutet die Einwilligung in die Inspektionen nicht automatisch, dass Washington die Anlagen auch benutzen darf. Darüber müsse das Parlament entscheiden, heißt es unisono in der Türkei. Noch spielt Ankara auf Zeit - und irritiert damit nicht nur den Nato-Verbündeten USA. Der türkische Generalstabschef Hilmi Özkök kritisierte jüngst die zögerliche islamisch-konservative Regierung mit den Worten, die "schlechteste Entscheidung" sei "immer noch besser als gar keine."

Offiziell setzt die türkische Regierung weiterhin auf die Friedenskarte. Demonstrativ reiste der türkische Ministerpräsident Abdullah Gül nach Syrien, Jordanien, Ägypten, Saudi-Arabien und Iran, um mit den arabischen Nachbarn über Wege zur Vermeidung eines Krieges zu beraten. Seine Initiative habe sowohl in der Region als auch bei den USA Zustimmung gefunden, meinte Gül am Sonntagabend bei der Rückkehr aus Teheran. Vor allem weil einmal mehr bekräftigt worden sei, dass der Irak die Hauptverantwortung für die Abwendung eines Krieges trage, der der gesamten Region Schaden zufügen würde.

Eine kalte Dusche holte sich unterdessen der türkische Staatsminister Kürsat Tüzmen, der am Wochenende mit 350 Unternehmern nach Bagdad gereist war. Zwar ließ sich der irakische Vizepräsident Taha Yassin Ramadan Hand in Hand mit dem türkischen Minister ablichten, machte aber zugleich mit unterschwelligen Drohungen deutlich, dass sich Ankara für die eine oder andere Seite entscheiden müsse. Was der Türkei in Bezug auf eine Militäroperation gegen Bagdad "aufgezwungen" würde, werde sich böse rächen. "Wenn der Irak angegriffen wird, wird die Türkei nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in anderer Hinsicht Schaden nehmen", zitierten türkische Blätter am Montag den Saddam-Stellvertreter.

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