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15.01.2001

19:13 Uhr

Anleiheexperten rechnen mit baldiger Trendumkehr – Telekomfirmen erhalten zweite Chance am Kapitalmarkt

Unternehmensanleihen sind wieder gefragt

VonSTEFAN KEIDEL

Europäische Unternehmensanleihen sind wieder im Kommen. Große Investmenthäuser beobachten ein zunehmendes Interesse der Anleger. Im Moment stoße die Nachfrage sogar auf ein zu geringes Angebot, betont Morgan Stanley Dean Witter. Allerdings wird das erste Halbjahr von einigen Analysten auch kritisch gesehen.

LONDON. Europas Markt für Unternehmensanleihen wächst wieder. Experten sehen erneut gute Chancen für Firmen, ihre Umschuldungen sowie ihre Fusionen und Akquisitionen über den europäischen Kapitalmarkt zu finanzieren. Eine steigende Zahl von Investoren tausche bereits von Staatspapieren in Unternehmensanleihen, um mitunter um 30 % höhere Zinsen zu kassieren, heißt es. Die Kurse beginnen, langsam wieder zu klettern. Die US-Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter (MSDW) sieht vor allem für deutsche Emittenten eine riesige Nachfrage von Investoren, wenn sie sich nur am Kapitalmarkt blicken ließen.

Noch im Herbst war der Markt für Firmenanleihen unter dem Eindruck riesiger Schuldenberge der Telekomfirmen und der Kurseinbrüche an den Aktienmärkten fast kollabiert. Einige Emissionsbanken sollen zum Teil hohe Verluste erlitten haben.

Anthony Barklam, Syndicate-Director bei MSDW, macht eine große Nachfrage der Investoren aus, die nur bedingt durch ein gegenwärtig geringes Angebot von Unternehmensanleihen befriedigt werden könnte. Daher dürften sich nach seiner Meinung die Renditeaufschläge (Spreads) gegenüber den Staatsanleihen wieder einengen. Auch für die Anleihen der Telekomunternehmen bestünde großes Interesse, die von den Investoren in den vergangenen Monaten auf Grund riesiger Schuldenberge gemieden wurden. "Wir haben so attraktive Renditeaufschläge, wie in den letzten zehn Jahren nicht mehr," betont Barklam. Während der Anleger für die fünfjährigen Bundesanleihen Januar 2006 eine Rendite von 4,49 % erziele, erhalte er für die fünfjährigen Deutsche-Telekom-Papiere eine um rund 130 Basispunkte höhere Verzinsung von 5,8 %. Ähnlich sähe das bei den zehnjährigen Laufzeiten aus. Auch hier erhalte der Investor eine um rund 30 % höhere Verzinsung.

Auf der anderen Seite müssten insbesondere die Telekom-Unternehmen auf Grund der notwendigen Refinanzierungen den Kapitalmarkt in Anspruch nehmen. Die hohe Nachfrage institutioneller Anleger treffe auf die Notwendigkeit der Unternehmen, den europäischen Kapitalmarkt als Finanzierungsplattform in Anspruch zu nehmen. Das bedeute eine starke Belebung für den Markt von Firmen-Bonds. British Telecom (BT), die gegenwärtig eine 5 Mrd-Euro-Anleihe platzierten, stießen auf eine hohe Nachfrage. Barklam ist sich sicher, dass die anderen großen Telekom-Werte in diesem Jahr dem Beispiel folgten und mit eigenen Anleihen kämen. Der Investor frage aber auch Unternehmensanleihen aus anderen Branchen nach, um so sein Risiko zu streuen.

Für das erste Quartal 2001 rechnet Donna Halverstadt, Analystin von Goldman Sachs, hingegen noch mit einer etwas schwierigen Aufnahme von Telekom-Anleihen am Kapitalmarkt, nachdem der Sektor im vergangenen Jahr so schlecht abgeschnitten habe. Aber für das zweite Quartal erwartet die Spezialistin für Unternehmensanleihen eine generell zunehmende Einengung der gegenwärtigen Spreads, also eine gute Kursperformance, sobald sektorspezifische Störungen nachließen und die "Lust der Investoren für Unternehmens-Anleihen zunimmt".

Anleihen von Telekomfirmen billigt Halverstadt eine überdurchschnittliche Kursperformance für das Gesamtjahr 2001 zu. Auch Bonds mit mittlerer Investmentqualität (Rating von "BBB") sagt sie ein starkes Wachstum der Neuemissionen voraus. Dabei sei die Fusionstätigkeit, die UMTS-Auktionen und die Übersee-Expansionen der Firmen der Motor der Entwicklung am Markt für Unternehmensanleihen. Vorsichtig positiv äußert sich der Head of European Credit-Research von CSFB, Said Saffari, über die Perspektiven in der ersten Jahreshälfte 2001. Die erwartete Abschwächung der wirtschaftlichen Aktivitäten in den USA und in Asien dürfte auch einen negativen Effekt auf Firmengewinne haben.

Zudem steige die Rate des so genannten "Eventrisk", also zum Beispiel das Risiko vor einem Verlust des Ratingstatus, vor neuen Investitionen und M & A-Aktivitäten. Das Wachstum von Neuemissionen europäischer Banken ziehe weiter an. Die besten Kurschancen sieht er bei Anleihen aus der Retail- und Tabakbranche und bei Banken. Anlegern rät er zu Neuemissionen, weil sie als "Lockmittel" höhere Renditeaufschläge vorwiesen.

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