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22.02.2002

00:00 Uhr

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Anwälte sind Produkte

VonClaudia Tödtmann (Redakteurin im Netzwert-Team des Handelsblatts)

Der Europäische Gerichtshof sagt, Anwälte sind Unternehmer. Das Meinungsportal Dooyoo.de ist tatsächlich aber schon einen Schritt weiter: Dort sind Advokaten gelistet in der Sparte "Dienstleister" - und können da von jedermann beurteilt werden. Wie Produkte - und obendrein öffentlich, für jedermann zum Nachlesen. Nur hat bislang kaum ein Anwaltskunde diese Möglichkeit bemerkt. Noch nicht.

Der Europäische Gerichtshof hat es jetzt verkündet: Eine Anwaltskammer ist eine Unternehmensvereinigung und das bedeutet, dass Anwaltskanzleien auch nur Unternehmen sind. Und es bedeutet des weiteren, dass sie ebenso kommerziell orientiert sein können und dürfen wie jeder andere Dienstleister. Eigentlich ist das nichts Neues. De facto müssen sie das ohnehin sein - um überhaupt zu überleben. Schließlich gibt es mehr als 100 000 niedergelassene Anwälte in Deutschland und damit eine erkleckliche Anwaltsdichte. Die Geschichten von Anwälten, die nachts auch noch Taxi fahren müssen, um mit Hilfe dieses Zubrots existieren zu können, sind bekannt. Mit anderen Worten: Es kommt nun etwas mehr Ehrlichkeit in eine Branche, die sich zwar immer noch gerne mit dem Ruch des Honorigen umgibt, aber bei genauem Hinsehen ihn nicht rechtfertigt. Anwaltskanzleien sind in der Mehrzahl normale kleine, mittelständische Betriebe.

Die großen Kanzleien mussten in den vergangene Jahren Farbe bekennen - sie werden gerankt, ob sie wollen oder nicht. Wer zur Creme de la Creme gehört , wurde ein den vergangenen Jahren gnadenlos geoutet. In dieser Sparte - das sind vielleicht die oberen zehn Prozent - ist Transparenz eingezogen. Wer welche lukrativen Mandate betreut, ist kein Geheimnis mehr wie früher. Die Top Ten sind ausgemacht und an Bestenlisten hat man sich gewöhnt - überraschend schnell sogar.

Anders bislang die so genannten Feld- und Wiesenkanzleien, die ganz überwiegende Mehrheit der Anwaltskanzleien. Sie sind einfach zu viele, um unter ihnen Transparenz zu schaffen. Bislang. Es gibt nämlich ein Instrument, das bis jetzt unentdeckt im Internet schlummert, das sich als sehr schlagkräftig erweisen könnte im Kampf gegen unseriöse Kantonisten, schlechte Berater oder einfach gegen Nebelbomben-Werfer - und die gibt es hier wie in jeder anderen Branche auch. Das Meinungsportal Dooyoo.de hat nämlich unter der Rubrik "Dienstleister" auch die Kategorie Anwälte aufgenommen. Das bedeutet, dass jeder unzufriedene Anwaltskunde dort weitgehend ungefiltert seine Meinung über seine - vielleicht schlechten - Erfahrungen mit seinem Advokaten dort hinschreiben kann. Er kann ihn an den Pranger stellen - nachzulesen für jeden, der sich gerade nach einem Anwalt für seinen Mietrechtsstreit, seine Scheidung oder seinen Arbeitsrecht-Fall umtut. Würde dieses Instrument intensiv genutzt, könnte für manchen Juristen der Boden heiß werden. Die Frage im Bekanntenkreis "Weißt Du nicht einen guten Anwalt?" hört man häufig. Klage über überraschend hohe oder unangemessene Honorare von Anwälten oder Klagen über schlechte Beratung aber auch. Man stelle sich vor: Wenn nun die lokalen Web-Seiten wie duesseldorf-today.de - die bislang eher Kinoprogramme veröffentlichen und regionale News liefern - Links zu Meinungsportalen anböten, wo die Dienstleister in ihrer Stadt auf dem Prüfstand stehen - dann wird es interessant. Für alle Beteiligten.

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