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18.01.2002

07:00 Uhr

Argentinien wird nicht der letzte säumige Schuldner sein

Argentinien adieu!

VonReiner Reichel

Pech im Glück für Rudolf Raschke (Name geändert). Zwar ging seine Kursspekulation mit einer Argentinien-Anleihe auf. Doch er hatte die Rechnung ohne Börse und Fiskus gemacht: Aus dem Kursgewinn wurde ein Verlust.

DÜSSELDORF. Als er am 27. Dezember 300 Stück der Argentinien-Anleihe mit der Wertpapierkennnummer 190 430 für 4 525 Euro kaufte, stand der Kurs bei 29,5 Prozent. Zusätzlich zahlte er rund 844 Euro Stückzinsen, so dass er ohne Spesen rund 5 369 Euro investierte. Stückzinsen sind die seit dem letzten Zinszahlungstermin rechnerisch aufgelaufenen Zinsen. Der Anleihekäufer zahlt sie an den Verkäufer.

Als Raschke eine Woche später die Anleihe zum Kurs von 35,1 Prozent verkaufte, erhielt er nicht die erwarteten 6 240 Euro gut geschrieben, sondern trotz Kurssteigerung nur 4 899 Euro.

Raschke war in eine Falle getappt. Als deutlich wurde, dass Argentinien seine Zinsen nicht oder nicht pünktlich zahlen würde, teilte die Deutsche Börse AG am 28. Dezember mit, dass Staatsanleihen Argentiniens ab 2. Januar 2002 "flat" notiert würden, also ohne Stückzinsberechnung. Das kostete Raschke, der am 2. Januar verkaufte, die Stückzinsgutschrift von 856 Euro.

Doch damit ist Raschkes Verlust nur zum Teil erklärt. Steuerlich war aus der typischen Anleihe mit regelmäßigen Zinszahlungen ein so genanntes Kursdifferenzpapier geworden, bei dem "Stückzinsen nicht besonders in Rechnung gestellt werden" (§ 20 Abs. 2 Nr. 4c Einkommensteuergesetz - EStG). Steuerpflichtig ist in solchen Fällen die Differenz zwischen An- und Verkaufspreis - und zwar unabhängig von der Haltedauer der Anleihe.

Die Bank zog daher außerdem noch 30 Prozent Zinsabschlagsteuer (ZASt) von 30 Prozent des Veräußerungserlöses der Anleihe ab, was 485 Euro ausmachte.

Wie ein solcher Abzug bei Argentinien-Anleihen zu Stande kommt, erklärt Wolfgang Skorpel, Steuerexperte des Bundesverbandes deutscher Banken: Bei Kauf einer Anleihe werden gezahlte Stückzinsen im "Stückzinstopf" erfasst und mit erhaltenen Stückzinsen und anderen ZASt-pflichtigen Erträgen verrechnet. Jedoch werden Kauf- oder Verkaufskurse typischer Anleihen von den Banken in diesem automatisierten Abrechnungssystem nicht abgespeichert. Deshalb kann der wegen des Übergangs auf den "Flat"-Handel steuerlich als Kursdifferenzpapier ausgewiesenen Argentinien-Anleihe nicht automatisch ein Kaufkurs zugewiesen werden. Also kann das System auch keine Kursdifferenz feststellen. Für Fälle, in denen die Kursdifferenz nicht ermittelt werden kann, sieht § 43a EStG vor, dass 30 Prozent des Verkaufserlöses als Ersatzbemessungsgrundlage (Abs. 2, Satz 3) für die 30-prozentige Kapitalertragsteuer (Abs. 1 Nr.4) herangezogen werden kann.

Was Raschke und anderen widerfahren ist, kann sich jederzeit wiederholen. Kaum ein Privatanleger verfolgt regelmäßig Börsen-Bekanntmachungen. Zudem wird Argentinien nicht der letzte säumige Schuldner sein.

Wenigstens lässt sich der anfängliche Schaden begrenzen:

Die im Jahr 2001 gezahlten Stückzinsen werden in der Steuererklärung als negative Einkünfte aus Kapitalvermögen geltend gemacht. Werden die Einkünfte in dieser Einkunftsart dadurch negativ, lässt sich der Verlust mit anderen positiven Einkünften, etwa aus Gehaltszahlungen, verrechnen. Die Steuerlast 2001 sinkt auf jeden Fall.

Wer seine Anleihe mit Stückzinsen gekauft, aber in diesem Jahr "flat" verkauft und die Bank zwischenzeitlich nicht gewechselt hat, sollte ihr seine Kaufabrechnung vorlegen und auf eine exakten Ermittlung der Kursdifferenz sowie Zahlung der sich daraus ergebenden Steuergutschrift bestehen. Zumal: Die meisten Anleger werden - anders als Raschke - Kursverluste erlitten haben, so dass sie beim Verkauf überhaupt keine Steuern zu zahlen hatten. Vielmehr können sie einen Verlust im Jahr 2002 steuermindernd geltend machen.

Wer von seiner Bank die Gutschrift fordert, muss jedoch damit rechnen, dass diese sich mit Händen und Füßen gegen den zusätzlichen Verwaltungsaufwand wehrt. Genügt ein Appell an die Kulanz nicht, wirkt hoffentlich ein Hinweis auf § 43a Abs. 2 Satz 2. Er besagt, dass die Kursdifferenz Besteuerungsbasis ist, wenn die Papiere "von der die Kapitalerträge auszahlenden Stelle", also der Bank, "erworben oder veräußert und seitdem verwahrt oder verwaltet worden sind".

Argentinien-Anleihen behalten oder verkaufen? Die DZ Bank rate zurzeit weder zum Kauf noch zum Verkauf. Zudem würden die Papiere derzeit ohnehin kaum gehandelt, sagt deren Rentenexperte Hartmut Preiß.

Sollte Argentinien tatsächlich seine Anleiheschulden nicht zurückzahlen, muss ein Anleger, der im Jahr 2001 oder früher gekauft hat und das Papier noch hält, demnach vom Wechsel zur "Flat"-Notierung betroffen ist, womöglich noch eine Kröte schlucken. In einem Schreiben der Oberfinanzdirektion Kiel (Az.: S 2252 A-St 111, v. 23.11.01) steht: Ein Kursverlust wegen Konkurses oder Vergleichs des Schuldners dürfe bei der Ertragsbesteuerung nicht berücksichtigt werden. Im Klartext: Nur ein während der einjährigen Spekulationsfrist realisierter Kursverlust würde die Steuerlast mindern.

Nicht das letzte Ärgernis. Argentinien gehört zu den Ländern, mit denen die Anrechnung fiktiver Quellensteuer auf Anleihezinsen im Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) vereinbart wurde - eine Art Entwicklungshilfe für die "Bonus-Länder". Der Fiskus rechnet deutschen Anlegern Quellensteuer an, die sie im Ausland teilweise, meist aber gar nicht, bezahlen mussten und peppt so die Anleiherendite auf (siehe: "Renditebonbon"). Doch: Wenn es keine Zinsen gibt, gibt es auch keine fiktive Quellensteuer.

Anderenfalls wird das Bonbon so verteilt: Der Gläubiger erhält 1 000 Euro Zinsen aus einer Portugal-Anleihe. Seine persönliche Steuerbelastung beträgt 40 Prozent, so dass ihm zunächst 600 Euro bleiben. 150 Euro fiktive Quellensteuer verbessern sein Anlageergebnis auf 750 Euro. Dass Portugal kein riskanter Schwellenland-Schuldner mehr ist, zeigt sich an den Bonitätseinschätzungen durch große Ratingagenturen und an den vergleichsweise geringen Renditen.

Auf Ewigkeit will der deutsche Fiskus solche Bonbons nicht verteilen. Gerüchte, dass das Bundesfinanzministerium (BMF) mit Portugal über die Abschaffung der fiktiven Quellensteuer im Rahmen einer DBA-Revision sprechen würde, kommentiert das BMF nicht. Es stellt aber klar, dass es generell die fiktive Quellensteuer abschaffen möchte. Anleger können dennoch gelassen bleiben. Solche Verhandlungen dauern lange.

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