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14.06.2000

11:15 Uhr

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Atomkraft in Deutschland - Atom-Ei bis Castor, Adenauer bis Trittin

VonArmin Dahl

Die Nutzung der Atomenergie, deren Ende die rot-grüne Regierung nun besiegeln will, hat zumindest die Westdeutschen Jahrzehnte lang in euphorische Anhänger und erbitterte Gegner gespalten.

Bereits 1942 konstruiert und baut Enrico Fermi mit seinem Mitarbeiterteam den ersten Versuchs-Kernreaktor, im Versuchsreaktor CP-1 wird die erste kontrollierte Kettenreaktion in Gang gesetzt. 1951 gelang zum ersten Mal im US-Staat Idaho im Reaktor EBR 1 die Stromerzeugung. Schon 1955, nach dem Erlangen der Souveränität der Bundesrepublik Deutschland, setzt die Regierung Adenauer mit der Gründung eines Bundesministeriums für Atomfragen auf die Zukunft der neuen Technologie.

Im Jahr 1957 geht der erste Reaktor in Deutschland in Betrieb, das so genannte Atomei der Technischen Universität München. 1959 veranschiedet der Bundestag das Atomgesetz, das die Förderung der Kernkraft zum Ziel hat. Es stellt die rechtliche Grundlage für den Bau und Betrieb von Kernkraftwerken dar. Das Deutsche Atomforum als Dachorganisation zur Förderung der friedlichen Nutzung der Kernenergie wird gegründet

1961 wird mit einem weiteren bayerischen Versuchsreaktor in Kahl am Untermain erstmals Atomstrom ins öffentliche Netz eingespeist. Doch während die Forschung weiter ging - unter anderem die Entwicklung des Hochtemperaturreaktors im Kernzentrum Jülich - dauert es nach Angaben des Deutschen Atomforums bis 1972, bis die ersten kommerziellen Kraftwerke in Stade und Würgassen ans Netz gingen.

Unter dem Schock der Ölkrise erlebt die Branche eine Blüte. Während überall in der Bundesrepublik neue Kernkraftwerke genehmigt und gebaut werden, hat die sozial-liberale Bundesregierung noch größere Pläne: 40 neue Atommeiler sollten bis 1985 entstehen.

Gegen den rasanten Ausbau allerdings regt sich zunehmend Widerstand. Schon 1975 kommt es zur ersten Protestaktion von Atomkraftgegnern gegen den Bau eines Reaktors im südbadischen Wyhl. Im Jahr darauf gibt es neben friedliche Protesten am Kraftwerk Brokdorf an der Unterelbe auch militante Auseinandersetzungen mit der Polizei. 1979 besetzen Demonstranten den Bauplatz für das Atomlager Gorleben, seitdem eines der Symbole der Anti-Atomkraft-Bewegung. Diese erstreitet auch einige symbolische Erfolge, unter anderem, dass das Projekt einer Wiederaufbereitungsanlage im bayerischen Wackersdorf fallen gelassen wird.

Die beiden größten Reaktorunfälle im amerikanischen Harrisburg und im ukrainischen Tschernobyl geben Atomskeptikern auch in Deutschland weiter Auftrieb. Am 28. März 1979 ereignet sich im amerikanischen Kernkraftwerk Harrisburg, Block 2, ein Unfall, bei dem der Reaktorkern teilweise schmolz. Entscheidend für den gesellschaftlichen Konflikt ist dabei das Umschwenken der SPD nach dem Unfall von Tschernobyl am 26. April 1986, der als bisher schwerste Unfall in der Geschichte der friedlichen Kernenergienutzung eingeht. Seit den 80-er Jahren wurde kein neuer Reaktor beantragt. Der letzte fertig gestellte Meiler geht 1989 in Baden-Württemberg (Neckarwestheim) ans Netz. 1994 wird der erste Abriß eines Kernkraftwerkes in Niederaichbach durchgeführt

Seitdem rankt sich der - teils militante - Streit vor allem um die Entsorgung abgebrannter Kernelemente. Die bis heute umstrittene Endlagerung beginnt bereits 1971 im Endlager für radioaktive Abfälle Morsleben (ERAM). Das Konzept von 1979, zwei zentrale Zwischenlager in Ahaus und Gorleben sowie zwei Endlager in Gorleben und im Schacht Konrad auszuweisen, trifft auf erheblichen Widerstand von Anwohnern und Atomkraftgegnern. Zuletzt konzentriert sich der Protest vor allem auf die Castor-Atomtransporte in die Zwischenlager, die regelmäßig von mehreren zehntausend Polizisten gesichert werden mussten.

SPD und Grüne haben in ihren im Oktober 1998 ausgehandelten Koalitionsvertrag ein Kapitel "Ausstieg aus der Atomenergie" aufgenommen. Darin heißt es: "Der Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie wird innerhalb dieser Legislaturperiode umfassend und unumkehrbar gesetzlich geregelt". Dazu wurden die Energieversorger von der Bundesregierung zu Gesprächen eingeladen, "um eine neue Energiepolitik, Schritte zur Beendigung der Atomenergie und Entsorgungsfragen möglichst im Konsens zu vereinbaren". Damals wurde dafür ein zeitlicher Rahmen von "einem Jahr nach Amtsantritt" gesetzt, der inzwischen weit überschritten ist.

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