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10.01.2002

19:00 Uhr

Auch dank Jutta Kleinschmidt reißen sich Sender um das Rennen

Rallye „Dakar“: Geldverbrennung in der Wüste

VonYÖRN PUGMEISTER

Die Zeiten, in denen sich die Autobauer bei der Rallye "Dakar" ein Markenrennen lieferten, sind vorbei. Heute dominiert nur einer - der japanische Hersteller Mitsubishi.

Dakar im Senegal, das Ziel, liegt greifbar nah. Nur zwei Tagesreisen sind es noch - 1 541 Kilometer, weniger als ein Sechstel der 9 346 Kilometer langen Gesamtstrecke. Doch die Teilnehmer der Rallye von Arras nach Dakar müssen diese Distanz mit ihren Autos, Lastern oder Motorrädern bis Samstag quasi nonstop zurücklegen - in einer so genannten Marathon-Übung: 457 Kilometer Sonderprüfung von Tichit in Mauretanien nach Khiffa. Dann, nach sechs Stunden Pseudopause, mitten in der Nacht weiter nach Boutlimit, wo die nächste Spezialübung wartet. Und schließlich die letzte Strecke nach Dakar, wo am Sonntag nach der traditionellen "Ehrenrunde" um den Lac Rose der Sieger gekürt werden soll.

Oder die Siegerin? Jutta Kleinschmidt, die im letzten Jahr als erste Frau in der 24-jährigen Geschichte der "Dakar" den Rallye-Klassiker gewonnen hatte, lag am Mittwoch auf Rang zwei.

Offroad-Rennen in exotischen Ländern liefern spektakuläre Bilder und sind deshalb auch ein gefundenes Fressen für die Fernsehsender. Dafür, dass auch das diesjährige Wüstenrennen über die Bildschirme in aller Welt flimmert, sorgt das eigene TV-Team von ASO, dem Veranstalter der Dakar-Rallye. Die französische Gesellschaft wird von dem medienbewussten früheren Ski-Olympioniken Jean-Claude Killy geführt. Der ASO gehört nicht nur Frankreichs bestverkaufte Sport-Tageszeitung "L?Equipe", sie ist unter anderem auch Veranstalter und Vermarkter der Tour de France.

Beim Verkauf ihrer exklusiven Dakar-Bildrechte an mehr als 20 internationale TV-Anstalten langt die Gesellschaft ordentlich zu. Nicht weniger als 100 000 Euro verlangte sie vom deutschen Rechtsanwalt Matthias Feltz, der als Rechteeinkäufer wirkte. In einer konzertierten Aktion erwarb der Jurist die Film-Verwertungsrechte für die Kirch-Gruppe und die ARD. Auftraggeber war der japanische Autobauer Mitsubishi, der vier Werks-Pajeros ins Rennen geschickt hat und damit für einen Sieg besonders prädestiniert ist.

Auch Kleinschmidt fährt einen feuerroten Wagen dieses Typs, und als die 39-Jährige mit der Startnummer 200 am Montag ihren ersten Tagessieg landete, meldete sich schlagartig RTL bei Feltz. Und das ZDF, das lange gekniffen hatte, weil die Wüstenkönigin "Sportlerin des Jahres" bei der ARD geworden war, läutete ebenfalls an. Auch das DSF würde gerne aus Afrika berichten, doch der Sportsender darf nicht, weil Konkurrent Eurosport übergreifende Lizenzen besitzt.

Trotz des öffentlichen Interesses halten sich die Autokonzerne bei der "Mutter aller Offroad-Rallyes", die unter dem Namen "Paris-Dakar" seit 1979 für Gänsehaut bei den Fans sorgt, zurück. Zwar gingen am 28. Dezember in der französischen Provinzstadt Arras - die traditionellen Startorte Paris oder Versailles reißen sich nicht mehr um das Spektakel - 160 Zweiräder , 120 Geländewagen und 40 Laster an den Start. Doch acht von zehn Auto- und Motorradfahrern - darunter illustre Persönlichkeiten wie Rockstar Johnny Halliday, Ski-Ass Luc Alphand oder Weltumsegler Laurent Bourgnon - sind Amateure. Werksteams schickte offiziell nur Mitsubishi ins Rennen, und die Profi-Fahrer Kleinschmidt, Ken Shinozuka, Hiro Masuoka und Jean Fontenay, die alle außer Masuoka schon einmal die "Dakar" gewonnen haben, zählen zu den Favoriten. Vorbei sind die Zeiten der Markenfights: 22 Jahre ist es her, dass Volkswagen den Grafen Kottulinsky siegen ließ. 1983 gewann Jacky Ickx für Mercedes, 1984 und 1986 dominierte Porsche, bis Peugeot, Citroen und Mitsubishi die Siege in den Jahren 1987 bis 1998 unter sich ausmachten. Danach begann Jean-Louis Schlesser abzukassieren, bis im vergangenen Jahr seine frühere Lebensgefährtin Kleinschmidt seinen zweijährigen Siegeszug stoppte - eine Schmach für den bekennenden Macho aus Frankreich.

Die Werks-Piloten fahren natürlich nicht nur aus Spaß an der Freude Tausende von Kilometern durch brennend heißen Wüstensand. Jutta Kleinschmidt, die vor ihrem Dakar-Triumph etwa 200 000 Mark pro Jahr verdiente, dürfte inzwischen nachverhandelt haben. Oder sie hat nachverhandeln lassen, denn ihr Manager in dieser Saison heißt Willi Weber. Und der hat auch schon dem mehrfachen Formel- 1-Weltmeister Michael Schumacher zu einigen Extra-Millionen verholfen. Für das bescheidene Preisgeld in Höhe von 433 600 Euro lohnen sich die Strapazen kaum, wenn man bedenkt, dass die Rallye-Teilnahme selbst - je nach betriebenem Aufwand - mit 200 000 bis eine Million Euro zu Buche schlägt.

Kleinschmidts Popularität in diesem Jahr wäre sicher weiter gewachsen, wenn es zu einem zweiten medienwirksamen Showdown mit ihrem Ex-Lover Schlesser gekommen wäre. Der hatte zwei seiner drei angetretenen Eigenbau-Buggys erstmals mit Dieselmotoren ausgerüstet. Doch während der fünften Etappe in Marokko verlor der Franzose seinen ersten, von dem Belgier Henrard gefahrenen Renault: Turbo geplatzt. Zwei Tage später fackelte der blaue Renner des Patrons ab: Defekt im Einspritzsystem. Und wieder ein Tag später musste das letzte Schlesser-Mobil mit Kühlerdefekt aufgeben.

Die seit Rallyebeginn dominierenden Mitsubishi-Piloten mussten sich also ein neues Feindbild suchen. Kurze Zeit schien es, als könnten zwei rote Nissan-Pickups - Sondermodelle, die nur in den Wettbewerb gerutscht waren, weil sie aus Südafrika stammen - den Pajeros Paroli bieten. Doch die beiden Mobile erschreckten das Spitzenfeld nur ein paar Tage lang und fielen dann ihren Kinderkrankheiten zum Opfer. Seit einer Woche nun ist die Viererbande von Ralliart - der Mitsubishi-Motorsport-Sparte - an der Spitze unter sich. Die Werksfahrer fürchten schon, dass eine Stallorder aus Japan ihren hausinternen Fight stören könnte. Denn Mitsubishi wird alles daran setzten, dass seine Kämpfer als Vierer-Bande über die Ziel-Linie in Dakar gehen. Dann haben sich die Investitionen richtig gelohnt.

Schließlich kostet jeder Kilometer, den ein Werks-Pajero bei der Rallye zurücklegt, 55 Euro. Macht bei vier gestarteten Wagen und 9 346 Kilometern 2 056 120 Euro.

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