Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.01.2001

08:28 Uhr

Auch Verbot von Antibiotika in der Schweinemast

EU-Agrarminister verbannen Rinder-Risikomaterial

Die Minister einigten sich in Brüssel grundsätzlich auf neue Maßnahmen im Kampf gegen BSE. Die deutsche Verbraucherschutzministerin Künast konnte sich nicht mit ihrem Versuch durchsetzen, dass Mindestalter von Rindern für Pflicht-BSE-Tests zu senken.

Reuters BRÜSSEL. Im Kampf gegen die Rinderseuche BSE haben sich die EU-Agrarminister grundsätzlich auf neue Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher verständigt, BSE-Tests für jüngere Rinder jedoch abgelehnt. Die Minister einigten sich bei einem Treffen am Montag in Brüssel nach Angaben von Gesundheitskommissar David Byrne unter anderem darauf, Rinder-Rückgrat als Risikomaterial aus der Nahrungsmittelkette zu nehmen. Separatorenfleisch von Wiederkäuern soll vom Markt verschwinden. Die neue Verbraucherministerin Renate Künast scheiterte mit dem Versuch, das Mindestalter von Rindern für verpflichtende BSE-Tests wie in Deutschland von 30 auf 24 Monate abzusenken. Die Entscheidung über eine Beteiligung Deutschlands am Rinderschlachtprogramm kündigte Künast für diese Woche an.

Byrne sagte, die Minister teilten die Sorge von EU-Experten, dass das Rückgrat von Rindern BSE-Erreger in sich tragen könnte und deshalb aus der Nahrungsmittelkette entfernt werden solle. Die Kommission werde in den kommenden Wochen Vorschläge vorlegen, wie dies konkret umgesetzt werden solle. Vor allem in Ländern wie Deutschland, in denen Tiermehl in Rinderfutter gelangt war und ein höheres BSE-Risiko besteht, könnte dies ein Verbot des Verkaufs von T-Bone-Steaks bewirken. Separatorenfleisch von Wiederkäuern, dass industriell vom Rückgrat getrennt wird, solle ebenfalls nicht mehr verarbeitet werden. Rinderfett zur Tiernahrung soll nur noch unter Temperaturen von über 130 Grad Celsius und einem Druck von drei Bar erzeugt werden, um Keime abzutöten.

EU-Agrarminister Franz Fischler forderte die EU-Länder auf, das Rinderschlachtprogramm zur Marktstabilisierung umzusetzen. Andernfalls sei eine Kostenexplosion zu erwarten. Fischler sagte, weiter fallende Preise könnten die EU-Kommission dann zu direkten Interventionen am Markt zwingen. Im EU-Haushalt gebe es aber "Null Bewegungsspielraum", warnte Fischler, der Künast zufolge von 3,4 Mrd. Euro Zusatzkosten "im günstigsten Fall" sprach. Im schlimmsten Fall ist EU-Vertretern zufolge mit Zusatzkosten von 6,8 Mrd. Euro zu rechnen. Viele Länder außerhalb der EU führten kein Rindfleisch aus der EU mehr ein, in einigen EU-Ländern sei der Rindfleischverbrauch um bis zu 50 % eingebrochen, sagte Fischler. Das Programm sieht in Deutschland die Tötung und Vernichtung von 400 000 Rindern vor.

Künast sagte, der Beschluss über eine deutsche Beteiligung könne bei einer Sitzung des Bundeskabinetts in den kommenden Tagen fallen. Für den Fall einer Beteiligung Deutschlands schlug Künast vor, bereits gelagertes und nicht nach neuesten Standards auf BSE getestetes Fleisch zu vernichten. Stattdessen könne Fleisch von Rindern eingelagert werden, die unter dem EU-Programm zur Marktstützung geschlachtet würden. Die Marktlage sei "extrem", räumte Künast ein. Auf Deutschland liege ein "enormer Erwartungsdruck", sich an dem Programm zu beteiligen.

Im Deutschlandfunk sagte Künast am Dienstagmorgen auf die Frage, wie groß der Prozentsatz sei, um eine Entscheidung für die Tötung der Rinder herumzukommen: "Dieser Prozentsatz ist extrem klein." Sie verwies darauf, dass wegen des Einbruchs bei der Nachfrage viele Tiere in den Ställen stünden, die nicht absetzbar seien. Durch die Überfüllung der Ställe entstehe ein ganz neues Tierschutzproblem, sagte Künast.

Neben Deutschland haben auch Italien, Portugal und Griechenland noch nicht mit dem Programm begonnen, andere Länder wollen sich zudem grundsätzlich nicht beteiligen. Nach Statistiken der EU-Kommission ist der Rindfleischverbrauch allein in Deutschland um 50 % gesunken. Die Preise für Jungbullen brachen nach den Zahlen in Deutschland um gut 30 % gegenüber den Preisen vor Beginn der BSE-Krise ein.

Künast, die erstmals an einem Treffen der EU-Agrarminister teilnahm, räumte in Brüssel ein, dass sie bei der Sitzung nicht alle Vorstellungen im Kampf gegen BSE durchsetzen konnte. Sie wolle aber standhaft bleiben: "Ich bin gnadenlos beharrlich." Für den 8. Februar kündigte sie eine Regierungserklärung zur Weichenstellung in der Agrarpolitik an. Sie hatte gefordert, auch Herz und Lungen als Risikomaterial einzustufen und aus der Nahrungskette zu nehmen. Während die Minister nur Separatorenfleisch von Wiederkäuern vom Markt nehmen wollen, hatte Künast sich hier für ein Verbot jeglichen solchen Fleischs ausgesprochen. Zudem forderte sie erfolglos, das Alter für Rinder, in dem BSE-Tests vorgeschrieben werden, in der gesamten EU wie in Deutschland von 30 auf 24 Monate abzusenken.

Künast begrüßte, dass sich die Minister grundsätzlich auf ein Verbot von Antibiotika in der Schweinemast einigten. Sie kritisierte jedoch, dass das Verbot nach derzeitigen Plänen erst im Jahr 2005 oder 2006 greifen solle. Dies müsse schneller geschehen

Byrne warnte unterdessen vor weiteren Gefahren in Lebensmitteln. Der Tageszeitung "Die Welt" (Dienstagausgabe) sagte er, BSE stehe zwar jetzt im Vordergrund der Diskussionen. Es müssten aber alle Anstrengungen unternommen werden, damit auf BSE nicht weitere Krisen folgten. Er richte sein Augenmerk auf andere Gefahren, die von zu viel Dioxinen in Lebensmitteln sowie von einem nachlässigen Umgang mit Bakterien herrührten, sagte Byrne. Die EU-Kommission werde für diese Felder in den nächsten Monaten Richtlinien mit strengeren Grenzwerten vorschlagen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×