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05.02.2001

19:31 Uhr

Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff ist wieder einmal ein strategischer Coup gelungen. Der Gütersloher Medienkonzern hat nunmehr das Sagen bei Europas größtem TV- und Produktions-Konzern, der RTL Group. Den hat er vor weniger als einem Jahr durch die Fusion der luxemburgischen CLT-Ufa mit der britischen Pearson Television aus der Taufe gehoben und vor weniger als einem halben Jahr an die Börse gebracht. Mit der Übernahme der Anteile der Groupe Bruxelles Lambert sind bei der RTL Group nun die Führungstrukturen geklärt, strategische Weiterentwicklungen wie das digitale Fernsehen und Internet-Angebote können künftig schneller umgesetzt werden, und nicht zuletzt wird Bertelsmann auch einen höheren Ergebnisbeitrag von der profitablen TV-Tochter erhalten. Soweit ein durchaus beachtlicher unternehmerischer Schachzug.

Revolutionär wird Middelhoffs Aktion aber durch einen anderen Schachzug: Durch die Beteiligung der Groupe Bruxelles Lambert (GBL) an der Bertelsmann AG hat er dem Traditionshaus den Weg an die Börse geebnet. Denn GBL mit Investor Albert Frère hat die Option, seine Beteiligung in den nächsten drei bis vier Jahren auch teilweise an die Börse zu bringen. Die Öffnung für den Kapitalmarkt ist für den ostwestfälischen Familienkonzern eine 180-Grad-Wende. Denn bisher hatte Patriarch Reinhard Mohn einem Börsengang mit der Stiftungsstruktur einen Riegel vorgeschoben. Jeder Unternehmensteil könne an die Börse gehen, nur die Bertelsmann AG nicht, hatte Mohn noch vor etwas mehr als einem Jahr betont. Wie also hat es Middelhoff geschafft, den Patriarchen zum Umdenken zu bewegen?

Middelhoff, das hat auch Mohn erkannt, hat für Bertelsmann eine Vision, die das Unternehmen in allen wichtigen Geschäftsfeldern - Multimedia inklusive - zur Nummer eins machen soll. Und diese Vision setzt er in einem atemberaubenden Tempo um. Middelhoff hat in den etwas mehr als zwei Jahren seines Vorstandsvorsitzes Firmen zugekauft und strategische Allianzen geschlossen wie nie zuvor ein Vorstandschef bei Bertelsmann. Das Handicap, nicht mit Börsengeld bezahlen zu können, konnte er zumindest zum Teil dadurch umgehen, dass er Tochterfirmen an die Börse brachte.

Aber spätestens seit der ersten Ankündigung der Fusion AOL /Time Warner Anfang vergangenen Jahres ist klar, dass Bertelsmann im internationalen Fusionsrausch ohne Börsengeld die Hände gebunden sind. Die Stiftungsstruktur schützt zwar vor feindlichen Übernahmen, hindert aber am globalen Wachstum. Auch wenn Middelhoff öffentlich noch im September betont hat, Bertelsmann brauche die Börsennotierung für die internationale Expansion nicht - hinter den Kulissen versuchte er bereits, Mohn vom Gegenteil zu überzeugen.

Wie Großvater und Enkel, so beschreiben Insider das Verhältnis von Mohn und Middelhoff. Und weil Großeltern ihren Enkelkindern gegenüber immer viel großzügiger sind als sie es gegenüber den eigenen Kindern waren, erklärt diese besondere Beziehung auch, warum Mohn seine Meinung in punkto Börsengang geändert hat. Middelhoff hat ihm in den vergangenen zwei Jahren gezeigt, dass er den Bertelsmann-Konzern mit Erfolg führen kann. Wie groß sein Verhandlungsgeschick dabei ist, zeigt das gestern verkündete Geschäft, das seit Oktober im engeren Vorstandskreis unter Einbeziehung von Reinhard Mohn entwickelt worden ist und für das auch schon die Aufsichtsgremien bei Bertelsmann und GBL grünes Licht signalisiert haben. Mit der Groupe Bruxelles Lambert ist jetzt erstmals ein ausländischer Investor bei Bertelsmann beteiligt, so dass der drittgrößte Medienkonzern der Welt jetzt auch von der Beteiligungsstruktur her internationaler aufgestellt ist.

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