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25.05.2000

20:31 Uhr

Auf dem Weg zu einem freien Markt

Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes in Brasilien

VonDANIEL SALAMANCA

Der brasilianische Telefoniemarkt entwickelt sich 18 Monate nach der zweiten und entscheidenden Liberalisierungsphase schneller als prognostiziert. Die Investitionen in den Ausbau der Telekommunikationsinfrastrukturen und die gestiegene Zahl der Telefonanschlüsse haben die gesteckten Ziele weit übertroffen.

SAO PAULO. Das "Mercosur"-Mitglied Brasilien - fast dreimal so groß als die gesamte EU und mit 150 Millionen Einwohnern - besitzt den größten TK-Markt in Lateinamerika. Kein Wunder also, dass die wichtigsten internationalen TK-Unternehmen sich im Juli 1998 an der Börse von Rio de Janeiro beim Kauf brasilianischer TK-Gesellschaften gegenseitig überboten: An diesem Tag wurde die staatliche Telebrás (die Brasilianische Telekom) öffentlich versteigert - der Startschuss für die zweite und wichtigste Phase der Liberalisierung des TK-Marktes.

Der Staat beschränkt sich seitdem auf die Rolle des Aufpassers, während der Ton von international operierenden TK-Gesellschaften vorgegeben wird. Die Regulierungsbehörde Anatel hat für die Privatisierung des TK-Marktes vier Phasen vorgesehen. Die erste Stufe wurde allerdings eher als ein Test betrachtet. Sie begann im Dezember 1996 mit der Versteigerung von CRT. Den Zuschlag erhielt ein brasilianisch-internationales Konsortium unter Führung von Telefónica Internacional de España S.A. (Tisa) und der mächtigen brasilianischen Mediengruppe Rede Brasil Sul.

Die zweite Phase der Privatisierung begann vor 18 Monaten mit der Versteigerung von Telebrás, die zuvor von Anatel in zwölf verschiedene, voneinander unabhängige TK-Gesellschaften aufgesplittert worden war. Unter den Hammer gebracht wurden Embratel, die nationale und internationale Gespräche anbieten darf sowie drei Festnetz- und acht Mobilfunk-Gesellschaften, die jeweils nur in einigen Bundesstaaten und nur in ihrer Sparte ihre Dienste anbieten dürfen. Die Gesellschaften operieren nun regional begrenzt, wobei sie bis Anfang 2000 in ihrem Operationsgebiet eine Monopolstellung innehatten.

Tele Brasil Sul, ein von der spanischen Telefónica angeführtes Konsortium, erwarb die Festnetz-Gesellschaft des Bundesstaates São Paulo Telesp. Des weiteren übernahm Telefónica Tele Sudeste Celular, die sich aus den Mobilfunkanbietern Telejr (Rio de Janeiro) und Telest (Espirito Santo) zusammensetzt, sowie Tele Leste Celular, die Mobilfunk in den Bundesstaaten Sergipe und Bahia anbietet.

Insgesamt haben Telefónica und ihre Partner für Beteiligungen an Festnetz- und Mobil-Telefonie über 15 Mrd. DM auf dem brasilianischen TK-Markt ausgegeben, einschließlich des Erwerbs von CRT 1996. Die amerikanische MCI erwarb für 4 Mrd. DM Embratel, die als einzige TK-Gesellschaft in Brasilien nationale und internationale Verbindungen vermitteln darf.

Portugal Telecom legte für Telesp-Celular 5,5 Mrd. DM auf den Tisch. Die Gesellschaft darf nur Mobilfunkdienste im Bundesstaat São Paulo anbieten. Telecom Italia kaufte für 3,2 Mrd. DM Tele Centro Sul, die zweite zur Versteigerung stehende Festnetz-Gesellschaft. Sie darf sich in sieben Bundesstaaten betätigen. Das einzige brasilianische Konsortium, das einen Zuschlag im Versteigerungsmarathon erhielt, besteht aus der Gruppe A. Gutierrez und der brasilianischen Holding Inepar. Es erwarb für 5,3 Mrd. DM die Festnetz-Gesellschaft Tele Norte Leste, die in diesem Marktsegment in 16 der insgesamt 26 Bundesstaaten aktiv sein darf.

Die dritte Phase der Liberalisierung begann im Januar mit der Zulassung von Empresas Espelho, d.h. in jeder Region und jedem Marktsegment wurde ein Konkurrent zugelassen. Seitdem muss sich z.B. die von Telefónica geführte Telesp im Bundesstaat São Paulo gegen die Mitbewerberin Vésper behaupten, die Festtelefonie mit digitaler WLL-Technik (Wireless Local Loop) anbietet. Vésper ist eine Holding, die von Bell Canada und den US-TK-Firmen Velocom und Qualcomm getragen wird. Sie erhielt Lizenzen für 16 Bundesstaaten. Auch die unmittelbare Mitbewerberin von Embratel steht bereits in den Startlöchern: Intelig Telecomunicações Ltda., die von France Telecom und den US-amerikanischen Carrier Sprit gehalten wird.

Das Fazit der Regulierungsbehörde lautet: Der TK-Markt habe sich seit Beginn der Liberalisierung höchst zufriedenstellend entwickelt. Der brasilianische TK-Sektors wandelte sich das Telefon von einem für die meisten Brasilianer unerschwinglichen Luxusgut zu einer Technik die in jedem Arbeitnehmerhaushalt stehen könnte: Seit diesem März muss ein Antragsteller zwischen 22 DM und 99 DM bezahlen und nur noch etwa zwei Wochen auf die Freischaltung des Telefons warten.

Noch krasser ging es bei der Mobiltelefonie zu: Anfang der 90-er Jahre gab es in ganz Brasilien 800 000 Mobilfunkanschlüsse. Seit März dieses Jahres ist das Preisniveau mit dem in Westeuropa vergleichbar. Seit dem Beginn der dritten Phase sind 34 TK-Gesellschaften in der Festtelefonie und 45 im Mobilfunk aktiv. Im Mobilfunk werden drei verschiedene Technologien eingesetzt: die analoge AMPS (Advanced Mobile Phone Service), die digitale TDMA (Time Division Multiple Access) und CDMA (Code Division Multiple Access). Im Juli werden die Lizenzen für UMST versteigert.

Die vierte und letzte Phase der Liberalisierung soll bis spätestens 2005 zur völligen Öffnung der TK-Märkte in allen Segmenten und Regionen führen. Ein Ende des Booms ist mittelfristig nicht zu erwarten, denn trotz der glänzenden Ergebnisse nach 18 Monaten Liberalisierungsprozess bleibt im TK-Sektor noch viel zu tun: Die Digitalisierungsrate der Netze erreichte 1999 84,6 % und die Telefondichte ist noch immer niedriger als im internationalen Vergleich.

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