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27.01.2003

07:59 Uhr

Auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre ist nur wenig von Aufbruchstimmung zu spüren

Alternativen zur Globalisierung fehlen

VonAlexander Busch

Zum dritten Mal diskutierten in Brasilien Globalisierungsgegner über eine gerechtere Weltordnung. Der Gegengipfel zu Davos zeichnete sich jedoch vornehmlich durch ein Organisationswirrwarr aus.

PORTO ALEGRE. Mit rund 100 000 Teilnehmern hat sich das Weltsozialforum von Porto Alegre als das weltweit größte Treffen von Globalisierungskritikern behauptet. "Hier findet eine Bewegung zusammen, die lange Zeit nur fragmentiert und zerstritten existiert hat", sagt der Soziologe Walden Bello von der Organisation Focus on the Global South aus Bangkok, einer der führenden Intellektuellen des Forums.

Nach Einschätzung der meisten Teilnehmer hat Porto Alegre als Gegengipfel zum Weltwirtschaftsforum in Davos dem elitären Zirkel in der Schweiz längst den Rang abgelaufen. "Die politische Ausstrahlung des Forums hat stark zugenommen", meint Peter Wahl von Attac Deutschland, "und die Botschaft ist eindeutig: Die neoliberale Politik ist am Ende."

Doch viel weiter als über diesen grundsätzlichen Konsens ist das dritte Forum in Südbrasilien seit 2001 nicht hinausgekommen. Mit der Ablehnung eines Angriffs auf den Irak konnten sich die Teilnehmer zwar erneut auf eine aktuelle Plattform einigen - doch das war es dann auch. Neue Alternativen oder Strategien gegen die Globalisierung fehlten. Griffige Ansätze der vergangenen Jahre, wie etwa die Tobin-Steuer auf Spekulationskapital, tauchten als Thema gar nicht mehr auf.

Das Forum hat Schwierigkeiten, auf einen Nenner zu kommen. Einerseits ist das "Modell Porto Alegre" organisatorisch an seine Grenzen gestoßen. Erstmals ist es dem Veranstalterkreis um die brasilianische Arbeiterpartei PT und den Herausgebern der links-intellektuellen französischen Zeitung "Le Monde Diplomatique" nicht mehr gelungen, das Treffen übersichtlich zu organisieren. Die Veranstaltungsorte lagen weit auseinander, das Programm stand erst am zweiten Tag fest. Es war fast unmöglich, bei dem Wirrwarr von 1 800 Konferenzen, Workshops und Seminaren die wichtigen Veranstaltungen herauszufiltern. So kam es, dass selbst hochrangige Globalisierungskritiker zum Teil vor wenigen Zuschauern debattierten.

"Die Veranstaltung ist groß und zu ambitioniert geworden", urteilt Jürgen Stetten, Globalisierungsexperte von der Friedrich-Ebert-Stiftung aus Berlin. Inhaltliche Diskussionen würden auf hohem Niveau aggregiert nur in kleinen Zirkeln stattfinden. Das Forum insgesamt sei zu einer "politisch korrekten Jubelveranstaltung" verkommen, kritisiert ein anderer deutscher Teilnehmer. Künftig soll das Weltsozialforum deshalb durch regionale Foren - wie in den vergangenen Jahren bereits in Asien und Europa - ergänzt werden.

Ein anderer Grund für die fehlende Aufbruchstimmung in Porto Alegre ist neben der etwas ruhiger gewordenen Globalisierungskritik allgemein auch der aktuelle Präsidentenwechsel in Brasilien: Mit Luis Inácio Lula da Silva ist nun einer der wichtigsten Protagonisten der bisherigen Foren zum Präsidenten gewählt worden - und ist damit vor knapp einem Monat ins Lager der Macht gewechselt.

Seine Präsidentschaft wird bereits "als der Beginn vom Ende des Neoliberalismus" in Lateinamerika gefeiert, wie der Soziologe Emir Sader von der Forumsleitung meint. Doch Lula und seine Minister waren in Porto Alegre vor allem damit beschäftigt, die hohen Erwartungen zu dämpfen. So appellierte Lula in seiner umjubelten Ansprache daran, dass seine Regierung erst am Ende der Amtszeit gemessen werden sollte.

Lulas wichtigster Minister und langjähriger PT-Chef José Dirceu vertrat sogar Thesen, welche der Großteil der Anwesenden nicht teilte. Diese gingen aber im Jubel über den Lula-Sieg eher unter: So seien breite Allianzen mit allen politischen Fraktionen notwendig, um politisch voran zu kommen. Brasilien dürfe keinesfalls von den Finanzmärkten zu isoliert werden.

Bernard Cassen von "Le Monde Diplomatique" gab kritisch zu: "Es gibt jetzt bereits eine ganze Menge Frustrationen über die Wirtschaftspolitik der Regierung Lula." Deswegen legten die Veranstalter Wert darauf, dass das nächste Forum in Indien stattfindet - auch, um zu vermeiden, dass es dann zu einer Konfrontation mit einer vielleicht enttäuschenden Regierung Lula kommt.

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